Die Geschichte des Körpers im Mittelalter

Jacques LeGoff, Nicolas Truong


Enthaltsamkeit, Buße, "Abtötung des Fleisches" – die mittelalterliche Weltanschauung mutete dem Körper als "abscheulichem Gewand der Seele" einiges zu. Der zur Annales-Schule zählende Mediävist Jacques Le Goff und der Journalist Nicolas Truong wollen sich dem Thema "auf anschauliche Weise" nähern. Sie führen Körperbilder zu verschiedenen Lebensbereichen und -altern vor Augen. Dabei bestätigen sie einerseits das Bild vom Körper unter dem Generalverdacht der Sünde, machen andererseits ihre These gerade an einem Widerspruch fest: Im Wechsel zwischen Körperverachtung und -verehrung hätten oft nur feine Differenzierungen über die Legitimität körperlicher Äußerungen entschieden.
Schade, dass die Autoren zwar klerikale Regelwerke und höfische Erzählungen heranziehen, Forschungen zur materiellen Kultur des Mittelalters sowie zur bäuerlichen Kultur (rund 80 Prozent der Bevölkerung) aber weitgehend ignorieren. Norm ist nun einmal nicht gleich Realität. Entsprechend oberflächlich wird es dann auch dort, wo man gerne mehr über Alltag und konkrete Lebensumstände gelesen hätte. Die Frage nach der Bedeutung der ständischen Gesellschaft für unterschiedliche Körperbilder wird erst gar nicht gestellt. Akademische Haarspaltereien, eine unklare Struktur sowie unerklärte Fachbegriffe führen dazu, dass dieses Gemeinschaftsprojekt von Historiker und Journalist auch unter dem Aspekt der Popularisierung schwächelt.

Tina Thiel in FALTER 23/2007



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