Mittelmäßiges Heimweh

Wilhelm Genazino


Die letzten Jahre haben dem in Frankfurt am Main lebenden Wilhelm Genazino steigende Beachtung und in konsequenter Folge den Büchner Preis (2004) eingebracht, was der 1943 in Mannheim geborene Schriftsteller der wachsenden Leserschaft durch eine in ihrer Verlässlichkeit an Woody Allen erinnernde Produktivität vergilt. Alle zwei Jahre erscheint ein eher schmal gehaltener Roman: "Ein Regenschirm für diesen Tag" (2001), "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" (2003), "Die Liebesblödigkeit" (2005) und nun "Mittelmäßiges Heimweh". Als Protagonist erleidet der 43-jährige Dieter Rotmund nicht nur den schmerzfreien Verlust eines Ohres und einer kleinen Zehe, sondern auch den Zusammenbruch einer Ehe und damit eines irgendwie als intakt imaginierbaren Familienlebens, das an den Wochenenden im Schwarzwald stattzufinden hat. Dort leben Tochter und Gattin, wobei Letztere das von Rotmund herangeschaffte Geld weitgehend reuelos verbraucht und auch ansonsten entschieden einen an der Waffel hat.
Während der selbst nicht als Sympathiebolzen gezeichnete Icherzähler also an einem ganz normal und mittelmäßig aus dem Ruder laufenden Leben laboriert, macht er gegenläufig dazu Karriere und steigt vom Controller zum Finanzdirektor einer Arzneimittelfabrik auf. An seiner leicht mürrischen und zivilisationsmüden Weltwahrnehmung ändert das vorerst nicht allzu viel, wobei Rotmund den Absturz in die Larmoyanz meidet, indem er sich stets von Neuem am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht. Dazu verhelfen ihm die Beobachtungen von Mensch, Tier und Umwelt sowie die gute alte Sprache, die schon durch kleine Fehlleistungen ("Vollkornbrot" wird zu "Volkszornbrot" verlesen) den Alltag ein bisserl aufpoliert. Wie schon die typisch genazinoiden Komposita – vom "Angstrand" über die "Liebesruinen" und das "Notblödeln" bis hin zur "Tageserschöpfung" und dem "Unglücksnebel" – andeuten, führen diese Depressionsvermeidungsanstrengungen nicht nur zu Sex mit Frau Schweitzer, sondern vor allem zu einer leicht hysterischen Dauerreflexivität, die ganz wesentlich zum Reiz dieses ebenso melancholischen wie ironischen Romans beiträgt – der nebenher manch große Wahrheit gelassen formuliert: "Das gewöhnliche Unglück tritt ein, wenn ein Mann und eine Maschine zueinanderfinden."

Klaus Nüchtern in FALTER 23/2007



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