Waltraut Haas

Beatrice Weinmann


Im weißen Schlössl

Sie war das Mariandl und die resolute Rösslwirtin. Verehrer trampelten wegen ihr Absperrungen nieder, korbweise kam Fanpost. Jetzt feiert Waltraut Haas ihren Achtziger - und bittet zum Martini.

Zuerst ist es ein Schritt von der Terrasse in den Wohnsalon, und dann ist es ein Schritt in eine andere Zeit. Waltraut Haas steht unter dem Vordach ihrer Villa, im Schatten zwischen zwei Streifen Sonne, und macht eine einladende Geste. Rechts von ihr befindet sich der Swimmingpool, links die Sitzecke mit Polsterauflage. Vor ihr dehnen sich 2000 Quadratmeter säuberlich getrimmte Rasenfläche aus. Imposante Bäume lassen ihr Laub im Wind rascheln, am Horizont geht das Grün eines Erholungsgebiets in Hügelketten und Bergspitzen über, hinter ihrem Rücken erhebt sich der zweistöckige Prachtbau. Haas ist die Herrin des Hauses, sie beherrscht sämtliche Regeln der Gastfreundschaft, sie sagt: "Herein! Hereinspaziert!" Das ist das erste Bild: Die sehr freundliche Frau Haas steht an einem drückend heißen Vormittag im Mai auf der Veranda ihres vor fast einem halben Jahrhundert erworbenen Hietzinger Domizils. Es wirkt wie ein Werbesujet für ein Traumhaus, für ein weißes Schloss. Das ist das zweite Bild: Haas betritt den Salon, eine ganz und gar ausgelebte Parallelwelt zum Restuniversum. Im Gesellschaftszimmer gibt es etwa einen meterlangen, bis zur Decke reichenden Wandverbau aus dunklem Edelholz, mit Regalen für Bücher mit Titeln wie "Der Arzt im Hause" und "Skandal in Dallas", dazu Schubladen, Glaskästen und eine Geheimtür zum Schlafzimmer. Auch eine in das Ensemble integrierte Hausbar gibt es, die Zeitmaschine im Inneren des Hauses. Archäologen könnten hier eines fernen Tages die Zeit der späten Fünfziger-, frühen Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts exakt rekonstruieren. Schließlich: Es nähme nicht Wunder, spazierten ein blutjunger Peter Alexander und ein junger Gunther Philipp ("Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist") herein, Haas' Mitspieler im "Weißen Rössl", jenem Film, der die Schauspielerin 1960, wie es dieser Tage allenthalben heißt, zur Legende werden ließ. Zur lebenden Legende. Zur Filmlegende. Zu einer der letzten Legenden des späten Nachkriegsfilms. Am 9. Juni 2007 feiert die Schauspielerin ihren achtzigsten Geburtstag.

Waltraut Haas kann auf ein sechs Jahrzehnte währendes, erfolgreiches Berufsleben zurückblicken: 1947 debütierte sie in der Rolle der Maid aus der Wachau ("Mariandl") im Heimatfilm "Der Hofrat Geiger", Ende Juli wird ihre jüngste Theaterarbeit, eine Franz-Molnar-Komödie, Premiere feiern. "Ob mir die ewige Fragerei nach, Mariandl', nach dem, Weißen Rössl', nach, Hallo Dienstmann' allmählich auf die Nerven geht?", startet sie zu ihrem zeremoniellen Mittagsmartini, Extra Dry, grüne Olive, ein Interview mit sich selbst. Sie steht an der Hausbar, ihr Mann, der Schauspieler und Regisseur Erwin Strahl, 78, leistet ihr Gesellschaft, ebenfalls einen Drink in Arbeit. Ein einzelner Mittag in einer unendlich langen Reihe von Tageshalbzeiten. "Ich habe großes Glück gehabt", sagt Haas.

In einem Fach der Wohnwand steckt eine Ausgabe der Klatschpostille Bunte, die Ausgabe vom 17. August 1966, die Nummer mit der Eheschließung. Im Inneren der Illustrierten finden sich großformatige Fotos von Haas und Strahl, eine Vermählung von Publikumslieblingen, dazu Hofberichterstattung und Fettgedrucktes: "Hochzeitsglück am Wolfgangsee". Hunderte Reporter waren damals vor Ort, die Verehrer drückten Glasscheiben ein und trampelten Polizeiabsperrungen nieder, Haas erhielt korbweise Fanpost. Die Gegenwart der Vergangenheit.

Leben und Legende der Waltraut Haas: Ihr Arbeitsleben hat sich für sie lange Zeit im deutschsprachigen Ausland, in Berlin, Bonn, Hamburg, abgespielt. Jahrelang bestritten sie und ihr Mann zudem auf diversen, den Globus umrundenden Luxuslinern ein Showprogramm. Eine dieser Tage publizierte Haas-Biografie listet über siebzig Filme auf, welche die Schauspielerin und Sängerin in zig Ländern drehte. Die schlicht mit "Waltraut Haas" überschriebene Lebensbeschreibung* entspricht einer Abhandlung für ein Zielpublikum, für einen mutmaßlich an Jahren älteren Interessentenkreis, der die Haas-Hochschule mit Vorzug abschloss, der auch vor mühseligen Vorlesungseinheiten mit Namen wie "Es liegt was in der Luft" (1950), "Musik im Blut" (1955), "Junge Leute brauchen Liebe" (1961) oder "Gejodelt wird zuhause" (1970) nicht kapitulierte. Man muss imstande sein, Sätze wie diese zu genießen: "Das Medium Film sollte Waltraut Haas' Leben nachhaltig verändern. Sie ist dem Schicksal dafür dankbar, dass sie im Lauf ihres Lebens so einzigartige Chancen bekommen hat." Peter Alexander hat seit seinem Rückzug aus dem Showgeschäft zumindest sein beharrliches Schweigen gebrochen: "Zum runden Geburtstag wünsche ich meiner Rösslwirtin von ganzem Herzen Glück und Gesundheit. Möge die Hauptsaison noch lange andauern", hat er einige handschriftliche Zeilen für das Buch beigesteuert.

Ihr Anwesen in Gehweite zum ORF-Zentrum war für Haas und Strahl stets der Mittelpunkt der Welt, ein kulissenhaftes Märchenschloss, wie aus einem Wunschtraum ins Grüne projiziert. Ein Museum ihrer selbst haben sie aus dem Haus nicht gemacht, es gibt kaum Erinnerungsfotos an den Wänden, kaum Erinnerungsnippes; die Koffer mit Fotos und Dokumenten lagern im Keller. Das Paar geht mit seiner großen Geschichte erstaunlich unprätentiös um. Gut, sie leben hinter uneinsehbaren Mauern im Wiener Miniatur-Beverly-Hills, durch einen imaginären Graben von der Umwelt getrennt, wie ihre prominenten Nachbarn, darunter Regisseur Peter Weck, Schauspielerin Elisabeth Orth und "Seitenblicke"-Dame Jeannine Schiller. Haas und Strahl haben ein öffentliches und ein von der breiten Öffentlichkeit abgeschottetes Leben zugleich geführt, Hollywoodstars im Kleinen. Unüberschaubar ist die Zahl der publizierten Homestorys, der vermeintlichen Nahaufnahmen ihrer Lebensart. Mehr als eine glänzende Oberfläche haben Haas und Strahl, zwei überaus angenehme Zeitgenossen, mit Absicht, Routine und Abgebrühtheit aber nie präsentiert. "Als ich populär war", beginnt Waltraut Haas ihre Sätze, wenn sie in die Anfangszeit ihrer Karriere zurückblickt. Schneller Ruhm und Prominenz als ausschließliche Währung sind ihr fremd.

Nach Art von Langzeitehepaaren genügt ein Stichwort des einen Partners, damit der andere zu erzählen beginnt. "Als der Bus vor dem Swimmingpool parkte", sagt etwa Haas, und Strahl berichtet: "Eines Tages hielt ein Touristenbus vor unserem Haus, und wir waren gerade nackt im Pool. Der Reiseleiter verkündete lauthals:, Hier wohnen Waltraut Haas und Erwin Strahl. Sie haben zehn Minuten Zeit zur Besichtigung.'" Einerseits sind die beiden Showstars alter Schule. Anderseits versprühen sie eine Aura lebenslanger, rechtschaffener Arbeit. Haas ist eine exzellente Köchin, ihr Szegediner-Krautfleisch und ihre Spaghetti nach Teufelsart sind legendär. Strahl erfüllt den Job des Hausmeisters. Auch Stars, das würden die beiden auf Nachfrage jederzeit bestätigen, sind im Grunde normale Menschen.

"Wenn mir jemand unsympathisch ist, wünsche ich ihm ein Haus", feixt Strahl und jammert in bühnenreifem Ton. Ständig müsse man sich mit Handwerkern herumärgern, dazu die Unzuverlässigkeit der Baustaub, die Fehlplanungen. Viele ihrer nahezu klassischen Erzählungen aus ihrem Alltag kreisen um ihre Bleibe. "Rippen", sagt Haas. Strahl setzt an: "Durch einen Sturz vom Kirschbaum brach ich mir einst drei Rippen. Am Zwetschkenbaum zerschmetterte ich mir ein Bein, im Pool die Hand. Ein befreundeter Arzt sagte mir damals:, Wenn das so weitergeht, nehme ich dir den Garten weg.'" Auf die Geschichte mit den schmerzhaften Details folgt die Sache mit den Enten. "Eines Tages hörten wir um fünf Uhr in der Früh heftiges Geschnatter. Eine Ente aus Schönbrunn flüchtete sich mit ihren Jungen vor den Raben in unseren Pool. Wir fütterten den Kleinen Brotbrocken. Wochenlang wurden wir dann in aller Herrgottsfrüh geweckt." Während Haas erzählt, nickt Strahl in einem fort. Er ist der Ruhepol, Haas gibt den quirligen, flatterhaften Part. "Sie hat Hummeln im Hintern", wird ihr Mann später sagen.

Im Hietzinger weißen Schlössl gibt es in einem Raum im oberen Stockwerk zwei braune, von einer goldenen Blende eingefasste Schalter an der Wand. Drückt man den oberen, hebt sich das in einen Holzrahmen eingelassene Fenster links davon. Drückt man den unteren, versinkt das Fenster komplett in der Mauer. Die technische Spielerei erinnert an Filme aus der hohen Zeit der beiden, Filme, in denen sich moderne Apartments auf Knopfdruck verwandeln ließen. Gerade versenkt Erwin Strahl das Fenster mit Blick in den prächtigen Park. Vogelgezwitscher dringt in das Zimmer und Blätterrauschen. Andere Geräuschquellen sind beseitigt, das Paar lebt an einer Straße, die nur von Anrainern befahren werden darf. Zu hören ist ein langgezogenes Quietschen, als das Fenster komplett verschwindet. Es ist ein gefrorener Augenblick, wie er vor Jahrzehnten hätte stattfinden können. Es ist der Alltag von Legenden. "Wieso macht denn das so einen Lärm?", fragt Waltraut Haas. "Das muss man schmieren", antwortet ihr Ehemann.

Wolfgang Paterno in FALTER 22/2007



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