Der große Karl Valentin. Sämtliche Werke in 9 Bänden

Karl Valentin


Prost Vater!

Der am 4. Juni 1882 in München als Sohn eines Möbeltransportunternehmers zur Welt gekommene Valentin Ludwig Fey gehört zu den wenigen literarischen Größen, die man sich in der klassischen Schriftstellerpose am Schreibtisch oder an der Schreibmaschine nicht vorstellen kann. Dabei hat sein Werk zahlreichere und tiefere Spuren im kollektiven Bewusstsein und Sprachschatz hinterlassen als die meisten seiner zeitgenössischen Kollegen. "Ein Volkssänger, sonst nichts" war er für den Dramatiker Carl Zuckmayer, der ihn zwar - wie auch Bertold Brecht, Arnolt Bronnen, Alfred Kerr, Thomas Mann, Kurt Tucholsky u.v.a.m. - bewunderte, sein Schaffen aber "in hohem Maße an die Person des Darstellers gebunden" sah. Ähnliches behauptete man zunächst ja auch von Johann Nestroy, durchaus ein Wesensverwandter, wenn es darum geht, durch das zwischen selbstgenügsamem Spaß und satirischer Schärfe changierende Spiel mit der (gesprochenen) Sprache die Substanz sozialer Unterschiede freizulegen.

Im Vergleich mit den auf Film und Schallplatte gebannten Dokumenten werden die Texte naturgemäß immer das Nachsehen haben, aber dass "Der große Karl Valentin", der nun zum unrunden Geburtstag auf billigem Papier, freilich auch zu einem sensationellen Preis, erschienen ist, neben solide gearbeiteter Konfektionsware auch ein veritables literarisches Werk umfasst, steht außer Zweifel.

Immer wieder hat man versucht, Valentins Modernität nachzuweisen, indem man etwa seine Nähe zum Dadaismus betonte. Wer Spaß an so was hat, kann ihn auch als Jelinek-Vorläufer enttarnen und dies mit den Kalauern von "Schlechter kann's uns nimmer geh'n" (1947) argumentieren: "Jetzt muss a mal wieder a Krieg komma, hat's allgemein geheißen - damit sie was rührt - dann ist der Krieg komma, gleich zwei Stück Kriege, dann hat's sich was grührt, sogar die Häuser haben sich grührt, nicht alle, aber die meisten, es war direkt rührend so viel hat sich gerührt." Dennoch ist es läppisch, Valentin durch den Verweis darauf nobilitieren zu wollen, er habe den langweiligen "Verfremdungseffekt" vorweggenommen - so als würden todkomische Meisterwerke wie "Der Firmling" oder "Der Bittsteller" die meisten von Brechts marxistelnden Laubsägearbeiten nicht eh in den Schatten stellen.

Klaus Nüchtern in FALTER 22/2007



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