Wach auf!

Tim Pears, Michael Schulte


In Tim Pears' Roman "Wach auf!" räsoniert ein mittelalterlicher Erdäpfelmagnat über das Wunder des Lebens und andere Dinge.

Zwei offenbar recht mäßig attraktive Brüder, die es aber beruflich sehr weit gebracht haben, plaudern über ihre Vorlieben beim Pudern ("Am liebsten ist es mir im Badezimmer") und die Vorteile transgener Pflanzenmutationen. Was ein bisschen an Michel Houellebecq erinnert, stammt indes aus "Wach auf!" ("Wake Up", 2002), dem vierten ins Deutsche übersetzten Roman des englischen Schriftstellers Tim Pears. Darin geht es zwar auch um die Entkoppelung von Sexualität und Fortpflanzung und deren Folgen für die Menschheit, aber diese Thematik umkreist der ziemlich erfolgreiche Autor (dessen Roman "Land der Fülle" als zehnteilige BBC-Serie verfilmt wurde) auf zunächst eher beiläufige Weise, um sie dann mit einem finalen Gongschlag, mit einer Schlusspointe, zu versehen, die denn doch einigermaßen forciert wirkt.

Apropos umkreisen: John, 45 Jahre alt, der jüngere der beiden Brüder und Ich-Erzähler des Romans, sitzt die längste Zeit über in seinem Wagen, um seine Runden zu drehen und sein Leben Revue passieren zu lassen. Wir erfahren vom schwachbrüstigen Gemüsehandel des Vaters und wie dieser von Johns älterem und schon in jungen Jahren äußerst tatkräftigem Bruder Greg langsam modernisiert und - unter dem Einfluss Johns, der in Oxford Biologie studiert - schließlich in ein riesiges Unternehmen verwandelt wird, das im Jahr 50.000 Tonnen Erdäpfel zu 8000 Tonnen Snackfutter verwandelt. Der innovative John, ein mit einer ehemaligen Hippie verheirateter später Vater, will für die Zukunft vor allem auf Gentechnik setzen, auch wenn beim Verzehr von transgenetisch veränderten Erdäpfeln unlängst zwei Personen aus der Versuchsgruppe starben - ein Opfer für den Fortschritt, wie John meint.

Wach auf!" ist ein seltsam unentschlossen zwischen thematischer Zuspitzung (infolge des Verzehrs von fälschlich als "bio" deklarierten Erdbeeren scheißt und reihert eine Gruppe von Konzertbesuchern den örtlichen Friedhof voll) und streunendem Räsonnement changierender Roman, der vor allem dadurch überzeugt, dass er sich dem widersprüchlichen Ich-Erzähler kommentarlos überlässt: In den Händen eines schlechteren Autors wäre dieser John zur Karikatur eines autoritären und perversen Entrepreneurs verkommen, während er hier im pausenlosen Parlando seinen zärtlichen Gefühlen gegenüber seinem babyspeckigen und zahnenden Sohn ebenso freien Lauf lässt wie seiner Polemik gegen die nichtsnutzige Kreativität sich selbst verwirklichender Ehefrauen, die Vorzüge gut im Fleische stehender Prostituierter oder die alles andere denn platonische Liebe zu seiner mandeläugigen Schwester Melody.

Auf diese Weise und dank der unspektakulär präzisen Erzählkunst des Autors gewinnt dieser durchaus etwas unrunde Roman in seinen besten Momenten eine Komplexität, die man den Ansichten des keineswegs meinungsschwachen Protagonisten nicht unbedingt nachsagen kann.

Klaus Nüchtern in FALTER 10/2004



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