Das Buch des Vaters

Urs Widmer


Urs Widmer erzählt in "Das Buch des Vaters" ein Märchen am Rande des Realen.

Dass der Vater Kommunist war, erfährt man gleich im ersten Satz. Als ob damit etwas gesagt wäre. Zumal: Er war es nicht immer. Eigentlich nur für ein paar Jahre. Und das eher zufällig und nebenbei und ohne die nötige Gesinnungserbitterung. "Genossen!", rief er bei seinem einzigen Auftritt als Politredner - und das war auch schon das ganze Programm. Sein Kommunismus bestand vorzugsweise darin, im Kreis der im sommerlich blühenden Garten versammelten Freunde Weine zu verkosten.

So lobt man sich das Kollektiv. Und doch hat der Schweizer Autor Urs Widmer in "Das Buch des Vaters" die politische Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts versteckt, die vom Besuch des deutschen Kaisers in der Schweiz über Faschismus und Krieg bis in die antikommunistische Nachkriegszeit reicht. Einige sehr wirkliche Figuren tauchen dann im Garten des Vaters auf: Die Verleger Witsch und Winkler und ein unbekannter Autor namens Böll. Aber Urs Widmer gibt dem Realen nie ganz nach, erzählt Geschichte als Märchen voller Poesie.

Die äußeren Daten stimmen mit denen des realen Vaters, des Übersetzers Walter Widmer, überein, der im Roman allerdings Karl heißt. Er verbringt sein Leben vorzugsweise mit Büchern, übersetzt wie ein Besessener aus dem Französischen - Flaubert, Stendhal -, und man wird den Eindruck nie ganz los, dass die Bücher auch dazu dienen, sich die Menschen vom Leib zu halten. Wenn der Vater nach Hause kommt, eilt er zuerst an die Schreibmaschine, um die unterwegs gesammelten Ideen niederzuschreiben; dann erst begrüßt er Frau und Kind.

Seine Frau Clara war die Hauptfigur im Roman "Der Geliebte der Mutter" (2000). Vom Vater war darin kaum die Rede. Es ging um die unerfüllte Liebe der Mutter zu einem Komponisten, der nun als Nebenfigur auch im "Buch des Vaters" auftaucht. Der Vater erfährt allerdings erst nach vielen Jahren von der stillen Liebe seiner Frau. Man kann jeden der beiden Romane für sich lesen, aber erst nebeneinander und als komplementäre Hälften gegeneinander gelesen entfalten sie ihre ganze Melancholie. Dann erzählen sie davon, wie wenig Berührungspunkte es im Leben gibt, selbst dann, wenn man es miteinander verbringt. Vielleicht sind der Mutter- und der Vaterroman aber auch nur die Seitenflügel eines Triptychons, dessen mittlerer Teil noch fehlt: die Autobiografie des Erzählers Urs Widmer.

Der trägt nun die Phase der jungen Verliebtheit zwischen Karl und Clara nach, in der sie Tage im Bett verbrachten und dabei so jubilierende Schreie ausstießen, dass die Mutter des Vaters vor Schreck die Einkaufstasche fallen ließ. Wie dann der Käse durch den Staub rollt, die Kartoffeln und ein paar Rüben - auf solche plastischen Momentaufnahmen einer stillgestellten Vergangenheit versteht Widmer sich besonders gut. Doch die Ekstase der Verliebtheit hält nicht lange vor. Jeder der beiden zieht sich in seine Welt zurück: der Vater zu den Büchern, die Mutter in den Garten.

Nach dem Tod des Vaters stopft die Mutter dessen hinterlassene Papiere und Schriften in Plastiksäcke und schafft sie in Rekordtempo aus dem Haus, als habe sie lange genug unter dem Autismus ihres Mannes gelitten. Weil dabei auch das große schwarze Buch verloren geht, in dem der Vater Tag für Tag das Geschehen notierte, muss der Sohn "Das Buch des Vaters" neu erfinden. Was dabei entsteht, ist ein Requiem als Liebeserklärung an einen kauzigen Kettenraucher.

Virtuos überschreitet Urs Widmer die engen Grenzen des Tatsächlichen, wenn er von einem mythischen Dorf der Ahnen in den Bergen berichtet. Dort stehen vor jedem Haus die Särge der hier Geborenen als lebenslängliches Todeseingedenken. Als Zwölfjähriger wanderte der Vater hierher und erlebte eine Art Initiation, ein religiös-erotisches Fest der Toten und der Lebenden. Als der Sohn dann mit dem Auto über die neue Gebirgsstraße ins Dorf der Ahnen fährt, um den Sarg des Vaters abzuholen, sind die Särge längst weggeräumt: Das Dorf ist durchmodernisiert und tourismustauglich gemacht. So ist "Das Buch des Vaters" nebenbei auch ein Roman über das Verschwinden der Tradition, eine poetische Klage über den Verlust einer Lebensweise, die sich dem Konformitätsdruck entzieht.

Jörg Magenau in FALTER 10/2004



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