Big Deal. Thriller

Jürgen Benvenuti


Nur kein Ballast!

Mit 35 hat Jürgen Benvenuti bereits zehn Romane geschrieben und gälte als einer der wichtigsten jungen Autoren des Landes, würde er sich nicht auf Thriller beschränken.

Wie ist denn die neue Arcade-Fire-CD?" Jürgen Benvenuti ist ein großer Musikfreund. Man kann den in Wien lebenden Vorarlberger ab und zu in einem Elektroniklokal am Gürtel antreffen, in den Neunzigern hat er für ein einschlägiges Fanzine über Tocotronic & Co geschrieben, und auch in seinem jüngsten Roman "Big Deal" spielt viel Begleitmusik: Pavement, Bruce Springsteen, Gedudel aus dem Radio. Im CD-Regal des Autors ist dafür viel Platz, besser, es herrscht darin gähnende Leere.

"Ich habe alle Songs aus meinem iTunes-Ordner gelöscht und mehrere Hundert CDs verschenkt", erzählt der 35-Jährige ungerührt. "Ich besitze nur den alten MP3-Player meiner Freundin, auf dem ein paar Cure-Sachen sind." Der Grund für die Entsorgungsaktion, die jedem Plattensammler den Schweiß auf die Stirn treibt: "Ich habe die alten Sachen alle nicht mehr ausgehalten, ich habe sie zu Tode gehört."

Benvenuti ist kein Asket und auch keiner jener Mittdreißiger, die irgendwann das Interesse an neuen Strömungen verlieren. Aber er wird gewisser Sachen schnell überdrüssig und hat es generell gern aufgeräumt in seinem Leben. "Ich hasse es einfach, Dinge zu haben", bekennt er. Nicht einmal Bücher zählt er zu seinem Besitz. In seiner Wohnung hortet er lediglich ein paar Wörterbücher sowie die Belegexemplare seiner eigenen Werke ("in einem Karton unter der Abwasch"). Hat er ein Buch ausgelesen, schenkt er es an Freunde und Bekannte weiter.

Derart frei von Ablenkung, hat Jürgen Benvenuti viel Zeit, sich aufs Schreiben zu konzentrieren. Seit zwölf Jahren ist das Verfassen von Krimis und Thrillern seine Hauptbeschäftigung und große Leidenschaft, "Big Deal" ist bereits sein zehnter Roman und der bislang kompletteste - witzig, spannend, fast schon zu perfekt konstruiert. Kurz: Auf seinem Gebiet kann dem Vielschreiber hierzulande kaum jemand das Wasser reichen.

Seinem Metier haftet innerhalb des Literaturbetriebs jedoch immer noch ein wenig der Nimbus des Halbseidenen an, findet Benvenuti: "Als ich noch in Taschenbuchverlagen veröffentlicht habe, wurde mir von Kritikern öfters gesagt, sie fänden meine Bücher zwar gut, aber besprechen könne man so was nicht. Und manche schätzen einen Text a priori schon anders ein, wenn darunter, Thriller' steht."

Stimmt. Denn eigentlich müsste Jürgen Benvenuti ähnliche Aufmerksamkeit zuteil werden wie den erfolgreichen Romanciers der hiesigen Jungherrenriege. Schlechter als Arno Geiger, Thomas Glavinic oder Michael Stavaric ist er nämlich nicht. Und im Grunde genommen könnte unter seinen letzten beiden bei Haymon erschienenen Veröffentlichungen "Kolibri" (2005) und "Big Deal" anstatt "Thriller" genauso gut auch "Roman" stehen. So tough wie seine ersten Veröffentlichungen, die Titel wie "Harter Stoff" oder "Leichenschänder" trugen, sind seine Bücher schon lange nicht mehr. Als Leser bevorzugt Benvenuti freilich nach wie vor US-Autoren der Hard-Boiled-Schule ("ich lese so gut wie keine deutschsprachigen Bücher").

Benvenuti schreibt einfach spannende, flüssig und unprätentiös erzählte Geschichten, die sich um Verbrechen drehen, in deren Mittelpunkt mittlerweile jedoch recht einfühlsam gezeichnete Figuren stehen. In "Big Deal" sind das eine ungestüme Drogenfahnderin, die in ihrer Freizeit eine Spur verfolgt, und ein erfolgloser Autor, der sich - auf der Suche nach einer literarisch verwertbaren Geschichte - an ihre Fersen heftet.

Dieser David Schrot ist seinem Schöpfer alles andere als ähnlich. Zu Beginn des Romans ist er von einer derart bleiernen Unentschlossenheit, dass man ihn als Leser am liebsten durchschütteln würde. Außerdem leidet er unter akuter Einfallslosigkeit und Schreibhemmung, worüber sich Benvenuti wirklich nicht beschweren kann: "Ich war vielleicht mal faul oder unmotiviert, aber ich hatte nie das Problem, dass mir zu wenig eingefallen wäre. Das Schwierige besteht ja darin, aus Ideen eine Geschichte zu machen und eine Verbindung zwischen Handlung und den Charakteren zu finden."

Benvenuti spricht gern über sein Handwerk - darüber, wie penibel er "Big Deal" konzipiert hat, wie er Handlungsbögen konstruiert und wann beim Schreiben Improvisation gefragt ist: "Irgendwann ist so viel Material beisammen, dass es einen fast lähmt. Da muss man das Konzept zur Seite legen, sonst verliert sich jede Spontaneität."

Nun, nach zehn Romanen, hat Benvenuti das Gefühl, zu wissen, wie's geht: "Jetzt kann ich wieder neu anfangen." Mit dem nächsten Roman will er sprachlich etwas ausprobieren, und erstmals soll eine Figur aus einem früheren Buch wieder auftreten: "Die ursprünglich geplante Hauptfigur war so negativ, dass ich als Kontrast die Drogenfahnderin aus, Big Deal' mitnehme. Vom Gefühl her ist das die komplexeste Figur, die ich bisher geschaffen habe. Es wäre fast ein Verbrechen, mit der nichts weiterzumachen."

Am Ende des Gesprächs zerpflückt der Fast-nur-Krimileser dann noch genüsslich die Arbeit seines englischen Kollegen David Peace, dessen Serienmörderromane er nicht so super findet, wie es derzeit der Rest der Welt tut: "Der ist zweifellos gut, aber er setzt halt auf eine Masche. Wenn ich lese:, Die Welt ist so schlecht, und ich bin der Chronist davon', dann denke ich mir nur: Alter, lass mich in Ruh!"

Ein bisschen ein Nörgler ist Jürgen Benvenuti ja schon auch. Und wenn er schon keine Bücher zu Hause haben will, ein paar CDs sollte er sich schon wieder zulegen. Die neue Arcade Fire zum Beispiel ist wirklich sehr gut.

Sebastian Fasthuber in FALTER 20/2007



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