Begegnung in Samarra

John O'Hara, John Updike


Wie Vase leer

Für die Wiederentdeckung großer angloamerikanischer Säuferliteratur aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts stehen die Zeichen derzeit sehr günstig. Nach dem Engländer Patrick Hamilton ("Hangover Square") und dem Amerikaner Richard Yates ("Easter Parade") ist nun dessen Landsmann John O'Hara (1905-1970) mit dem 1934 im Original erschienenen und seinerzeit von Ernest Hemingway und Scott Fitzgerald gepriesenen Roman "Begegnung in Samarra" an der Reihe. Als Vorbild diente dem Autor die eigene Geburtsstadt Pottsville, Pennsylvania: Gibbsville zählt zum Zeitpunkt der Handlung, Weihnachten 1930, keine 25.000 Einwohner. Es ist zwar nicht die 60ies-Suburbia, die Richard Yates in "Zeiten des Aufruhrs" beschreibt, aber das Setting ist dem aus Yates' fast drei Jahrzehnte später erschienenem Debüt nicht unähnlich. Auch hier steht ein junges Ehepaar im Mittelpunkt, das versucht, seinen gesellschaftlichen und ökonomischen Status zu behaupten (es herrscht Wirtschaftskrise) und daneben noch etwas Spaß zu haben, was auch hier mit viel zu vielen Drinks einhergeht.

Eingenommen werden diese etwa im Lantengo Country Club, einer Art Brennglas des gesellschaftlichen Lebens der bessergestellten Bewohner von Gibbsville, wo die fragile Balance aus Prestigestreben, ethnischen Ressentiments (der Antisemitismus ist nicht bloß latent vorhanden) und Sanktionsmechanismen ausgetestet wird. Gleich zu Beginn kommt es dort zu einem Eklat, als der Autohändler Julian England dem einflussreichen Geschäftsmann Harry Reilly einen Drink ins Gesicht schüttet, was keine so gute Idee ist.

In der Folge kriegen die Englands - zwischen Weihnachtsfeier, Ehekrise und Partyvorbereitung - die Füße nicht mehr auf den Boden. Aus wechselnder Perspektive erzählt O'Hara unsentimental, aber nicht ohne Sympathie vom trotzigen Weg in die halbfreiwillige Selbstzerstörung, die sich groteskerweise eine Vase als Trinkgefäß auserkoren hat.

Bravourös skizziert O'Hara die Schattenseiten des amerikanischen Lebens, ohne dieses "zum Melodram zu machen oder zu vergessen, dass der menschliche Wille noch im unscheinbarsten Gefädel des gesellschaftlichen Gewebes glüht" - wie John Updike so treffend im Nachwort schreibt.

Klaus Nüchtern in FALTER 20/2007



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