Orsolics Hansi k.o.. Triumphe und Leiden eines Boxers

Sigi Bergmann


Hans, der Kämpfer

Die Boxlegende Hans Orsolics ist als Sportler, als Wirt und als Sänger gescheitert. Genau dafür lieben ihn die Menschen. Ein Porträt zum 70. Geburtstag

Hier steht er, der alte Champion in seinem Exil. Der Terrier bellt wie wild, als er ihn sieht, „er ist eine rechte Krätzn“, sagt das Herrl, „aber ich hab ihn gern“. Ein Kleingartengrundstück im 19. Bezirk ist das Reich des Mannes, der die Boxweltrangliste und die österreichische Hitparade angeführt hat, der in Kalksburg, in Steinhof war und viele Male im Gefängnis saß, der seine Haut zu Markte getragen hat, im Quadrat, das sie Ring nennen, und der, obwohl er vier Millionen Schilling an Gagen erboxt hat, sein Leben lang verschuldet war. Hier steht Hans Orsolics.
„Pass auf, nicht herfliegen“, sagt seine Frau Roswitha, die Wiese ist vom Regen rutschig. Roswitha Orsolics ist die Verwalterin ihres Mannes Leben, sie rationiert die Tabletten, den Kaffee und das Geld. „Er gibt ja so viel Trinkgeld – von 22 auf 30, kein Problem beim Hansi.“ Dann lacht er los und sieht dabei aus wie ein kleiner Bub. Seine Fäuste sind bedrohlich groß, aber seine Augen weich und zutraulich. Er zündet sich eine Zigarette an, obwohl er Lungenkrebs hatte.
Hans Orsolics geht nicht unter. An vieles, was ihm passiert ist, kann er sich nicht mehr erinnern. Und bei manchem, hat man das Gefühl, ist das ganz gut so. Die Jahrzehnte des Trinkens und die harten Schläge gegen den Kopf haben sein Gehirn lädiert. Wenn ihn jemand auf früher anspricht, sagt er einfach „a Wahnsinn“, und lächelt. Orsolics hatte mindestens einen leichten Schlaganfall, er leidet an Alzheimer-Demenz und Parkinson. Morbus Parkinson entsteht, wenn Nervenzellen im Mittelhirn absterben. Obwohl es keine medizinische Studie gibt, die einen Zusammenhang belegt, gibt es einige Fälle von ehemaligen Profiboxern mit Parkinson: Bei Muhammad Ali wurde die Krankheit ebenso diagnostiziert wie beim US-amerikanischen Boxer und Weltklassetrainer Freddie Roach.

Wollte man die Geschichte des Hans Orsolics anhand zweier Tage erzählen, müsste man mit dem 3. September 1970 beginnen. Damals war er 23 Jahre und auf dem Weg zur internationalen Boxikone, der amtierende Europameister im Weltergewicht hieß wie der Führende der Weltrangliste: Hans Orsolics. Bevor er zwei Monate später als erster Österreicher Boxweltmeister werden sollte, hatte sein Management noch einen belanglosen Testkampf vereinbart. Wenn man Hans Orsolics glaubt, hat ihm sein Trainer und Manager Karl Marchart einen ausrangierten 41-jährigen US-Amerikaner versprochen, der ihm in der Stadthalle zum Fraß vorgeworfen würde. Das Kanonenfutter aus Chicago sollte das Wiener Publikum heiß auf den WM-Kampf machen.
Es ist das Verdienst Hans Orsolics’, Österreich Ende der 60er-Jahre innerhalb weniger Profikämpfe zu einem Land der Boxfans gemacht zu haben. Oft kamen 15.000 Menschen oder mehr zu seinen Kämpfen in die Wiener Stadthalle und hunderttausende saßen vor den Fernsehgeräten. Künstler wie André Heller und Helmut Qualtinger ergingen sich gemeinsam mit Ministern, Zuhältern und Prostituierten in „Hansi, Hansi, Hansi“-Chören. Es hat vor und nach Orsolics große österreichische Boxer gegeben. Aber nichts und niemand hat so viele Menschen berührt wie die unwahrscheinliche Karriere des schüchternen Rauchfangkehrers.
Hans war ein schwächliches Kind, sein Vater war ein kriegsversehrter Schienenschweißer. Bevor die Familie nach Kaisermühlen zog, erhielt die Mutter als Hausmeisterin in Ottakring die Familie. In der kleinen Wohnung schlief Hans mit den Eltern und seiner Schwester Erika in einem Bett. Hans war oft krank, er krampfte, die Ärzte sprachen von Fieber­fraisen. Zweimal am Tag ging seine Mutter zu Fuß ins Wilhelminenspital, um dem Bub die Brust zu geben.
Später erwies sich Hans bei Straßenkämpfen als tapferer Schläger. Sogar gegen die gefürchteten Burschen aus dem Prater hat er einmal eine Rauferei gewonnen. Der kleine Hans war talentiert, ein Instinktboxer mit großem Herzen, der seinen Trainern nicht immer folgte. Die Menschen begannen ihren Hansi schnell zu lieben, er war einer von ihnen – der Sohn einer Hausbesorgerin zeigt es der Welt. Eine schöne Geschichte, die den Wienern gefiel und die nicht so bald aufhören durfte. In seiner Faust lag ihre Hoffnung.
Dann kam der 3. September 1970, und der geradezu bedeutungslose Aufbaukampf in der fast vollen Wiener Stadthalle. Orsolics’ Gegner hieß an diesem Abend Eddie Perkins und war, anders als von seinem Trainer Karl Machart angekündigt, kein Watschenbaum, sondern ein doppelter Ex-Weltmeister. Perkins war ein gefürchteter Kämpfer, in den Staaten wollte fast niemand mehr gegen ihn boxen.
Vier Runden dauerte es, bis Perkins seine Rechte aufs Kinn brachte, Orsolics rückwärts auf den Ringboden knallte und eine Minute lang bewusstlos liegen blieb. Beim Schlag stieß sein Gehirn gegen den vorderen Schädelknochen, beim harten Aufschlag seines Hinterkopfs am Ringboden schwappte es wieder zurück. In einem sportlich unnötigen Kampf riskierte Hans Orsolics seine geistige Gesundheit. Noch bevor er ausgezählt war, stürmte sein Vater in den Ring und schrie Trainer Marchart an: „Du Mörder, du bringst meinen Buben um.“

Was Marchart damals zu diesem Kampf veranlasst hat, zu der Entscheidung, einen Ex-Champ als Jausengegner einzuplanen, welchen sportlichen und finanziellen Nutzen er sich davon erhofft hat, können sich Box-Experten bis heute nicht erklären. Der legendäre Boxkommentator Sigi Bergmann sprach vom „unnötigsten Kampf der Boxgeschichte“, die Kronen Zeitung von der „traurigsten Boxnacht der Geschichte“. Sie sollte sich als noch trauriger herausstellen.
Denn von diesem harten K.o. hat sich Hans Orsolics nie wieder erholt. Nach nur zwei Monaten Regenerationszeit stieg er des Geldes wegen wieder in den Ring. Und wurde nicht Weltmeister, sondern verlor mit einem weiteren schweren K.o. seinen Europameistertitel. Danach zerstritt er sich mit seinem Mentor Karl Marchart, trainierte nachlässig und trank immer mehr. Weder sein Körper noch sein Geist waren wirklich bereit für weitere große Titel. Die Karriere des Hans Orsolics war vorbei, bevor sie richtig begonnen hatte. Wegen einer einzigen potscherten Kampfansetzung.

Boxjournalisten und Autoren irren, wenn sie von Boxern als „Kampfmaschinen“ schreiben, von „Gefechten“, die sie führen, und der „Materialermüdung“ ihrer Körper. Boxkämpfer sind keine Maschinen, sondern Menschen mit Schmerzen und Narben, von denen manche bleiben. Der Boxer muss zu sich selbst härter sein als zu seinem Gegner. Wer sich einmal mit Liegestützen in der Sauna auf das Wettbewerbsgewicht runtergeschwitzt hat, wem einmal die ganze Luft aus der Lunge oder mit voller Wucht auf die Leber gedroschen wurde, wen einmal ein so harter Schlag auf den Kopf getroffen hat, dass er einen Drehbruch des Schienbeins erlitt (wie das Orsolics einmal bei einem Gegner geschafft hat), trägt Spuren davon. Orsolics ist das lebende Beispiel dafür.
Als tragischer Held wurde er zu einer Ikone der Stadt. Sonderbar, dass jemand, der so gescheitert ist, so geliebt wird. Er bekommt noch immer viele Briefe, sagt seine Frau Roswitha, er unterschreibt sie mit „Orsolics Hansi k.o.“ und malt einen Boxhandschuh dazu. Auf der Straße und in der U-Bahn klopfen ihm viele auf die Schulter. Spätestens, wenn er lächelt, erkennen sie den schmalen, alten Mann von nur noch 1,70 Metern als ihren Hansi. Sie wollen, dass es ihm gutgeht.

Viele hatten ihn schon vergessen, zumindest bis zum zweiten großen Tag, der das Leben des Hans Orsolics veränderte. Am Abend des 9. Dezember 1985 sendete FS1 im Hauptabendprogramm bei „Sport am Montag“ einen 30-minütigen Film über Hans Orsolics. Er zeigte ihn in einem erbärmlichen Zustand, mit wallendem Seeräuberbart und aufgedunsen vom vielen Alkohol. Sigi Bergmann filmte in Orsolics’ Einzimmerwohnung im 15. Bezirk, es war kalt, dem ehemaligen Boxstar war die Heizung abgedreht worden.
In den zehn Jahren seit seinem Karriereende, in den 15 Jahren seit der Niederlage gegen Perkins hatte sich sein Leben nach und nach zersetzt. Zuerst starb seine geliebte Mutter, dann verließ ihn seine erste Frau Evelyn, später starb Sylvia, die Mutter seiner Tochter, eines „mysteriösen Todes“, wie die Polizei schrieb. Dazwischen lagen wilde Jahre. Nach seiner Boxkarriere führte Hans Orsolics das Gasthaus Zum Rauchfangkehrer im 15. Bezirk. Seine Eltern hatten es von seinen ersten Gagen gekauft, um seine Existenz in der Sportlerpension zu sichern. Ihnen war nicht bewusst, was sie taten, als sie einem, der nie mit Geld umgehen konnte, die Führung eines Betriebs überließen. Und einen alkoholkranken Mann an die Hebel einer reich gefüllten Schank setzten.
Hans hatte schon als Profi getrunken, als er kein Boxer mehr war, konnten es drei bis vier Liter Wein pro Tag sein. Wenn er rauschig war, ritt ihn der Teufel, sein Psy­chiater Avdo Rustembegovic von der Suchtklinik in Kalksburg diagnostizierte schizophrene Psychosen mit akustischen und optischen Halluzinationen. Orsolics’ Alkoholgeister verspotteten ihn, stachelten ihn an. Einmal schlug er seinen Vater, weil er ihn für einen Gefängniswärter hielt.
Hans Orsolics schlug viele, die er liebte, er war rasend eifersüchtig. Am Tag vor der Hochzeit verprügelte er seine jetzige Frau Roswitha. Bis zum „Sport am Montag“-Drehtag saß Orsolics dreimal im Gefängnis, „dabei hab ich nie was gestohlen“, das ist ihm wichtig. Er saß jedes Mal wegen Körperverletzung. Oft kamen Halbstarke in sein Lokal, um Hans zu provozieren, das war auch nicht sehr schwer. „Du willst Europameister gewesen sein? Schau dich an!“ Und patsch, hat es gescheppert. Eine Gerade eines Profiboxers in Wettbewerbsform reicht für ein Koma. Ein Haken für den Tod. Wenn Hans Orsolics’ Geister kamen, konnte es lebensgefährlich werden.
Irgendwann wollte die Krankenkasse 190.000 Schilling Regress für die von ihm Verprügelten, dazu kamen nicht bezahlte Steuern und Stromrechnungen. Viel von den Millionen, die Orsolics erboxte, kam nie bei ihm an, einiges blieb in der Stadthalle, bei Managern und falschen Freunden hängen. In seinem Wirtshaus erließ er hunderten Gästen die Zeche, obwohl er selbst nichts hatte. „Ums Geld hab ich mir nie was gepfiffen“, sagt er heute. Wenn ein Gast bettelte, bekam er Essen umsonst. Einmal sprach sein Verteidiger von „an Blödheit grenzender Gutmütigkeit“ seines Mandanten.

Hans Orsolics verstand das Leben innerhalb des Rings, draußen wurde es schwierig. Er konnte nicht mit Formularen, Vorschriften, er war ein Sportler, der nicht begriff, dass er von den Gagen für einen Boxkampf Steuern zahlen muss und dass das, wofür er im Ring bejubelt wird, draußen verurteilt wird. „Herr Rat“, hat er einmal zu einem Richter gesagt, nachdem eine Watschen einen Jochbeinbruch zur Folge hatte: „Ich habe in meiner Rechten natürlich einen anderen Zug drin als ein Normaler.“ Zehn Jahre lang lebte er zwischen Gefängnis und Delirium. Er war immer auf andere angewiesen.
So fand ihn Sigi Bergmann 1985 vor. Bergmann ist nicht nur Dokumentarist und Biograf, sondern ein Hauptdarsteller in Orsolics’ Leben. Er brachte ihn zum Alkoholentzug nach Kalksburg und zur Behandlung in die Psychiatrie Steinhof, er versteckte ihn vor Polizisten und begleitete ihn zum Arbeitsamt, nachdem er seine Konzession verloren hatte. Den größten Gefallen hat er ihm aber wahrscheinlich mit der „Sport am Montag“-Sendung vom 9. Dezember 1985 getan. Orsolics’ Schicksal berührte die Menschen, drei Installateure stellten nach der Ausstrahlung Ölöfen vor seiner Wohnung auf, nach einer Hilfsaktion einer Zeitung kamen Spenden in sieben Währungen.
Der Wiener Liedermacher Charlie Kriechbaum begann noch in der Nacht der Sendung ein Lied für Hans Orsolics zu schreiben. Zwei Monate später verdrängte sein „potschertes Leben“ Falcos „Jeanny“ von Platz eins der Hitparade. Plötzlich war Hans Orsolics wieder wer, die Leute dachten an ihn. Zwar endete die Sangeskarriere, als er seinen Songschreiber Charlie Kriechbaum, mit dem Tod bedrohte, aber das dritte, bessere Leben des Hans Orsolics konnte nun beginnen.
Vor allem, weil Hans zu jener Zeit eine Frau kennenlernte, die er nur vier Wochen später heiratete. Seine jetzige Frau Roswitha verhalf ihm zu den größten Erfolgen seines Lebens: Hans Orsolics wurde trocken, schuldenfrei und blieb beides. Sigi Bergmann hat ihm einen Job als Hilfsarbeiter in der ORF-Druckerei verschafft. 20 Jahre lang trug er dort Druckbögen hin und her, stapelte Papier. Jetzt ist er glücklicher Pensionist, im Winter in einer Meidlinger Wohnung mit 37 Quadratmetern, also einem mehr, als ein Boxring umfasst. Im Sommer in dem kleinen Holzhaus im 19. Bezirk. „Bei die Gstopften“, wie er sagt.
Hans Orsolics führt das Leben eines erwachsenen Kindes. Er schläft bis zwölf, weint bei Fernsehschnulzen, trinkt sieben Kaffee am Tag und bestellt in jedem Wirtshaus Cordon bleu. Das Bemerkenswerte an seiner Geschichte ist wohl: Er ist niemandem böse. Die meisten seiner Wegbegleiter beschreibt er heute als „super Burschen“. „Er ist einfach zu gut“, sagt Roswitha Orsolics über ihren Mann, „für alles eigentlich.“ Das war schon im Ring sein Pro­blem, er war zu weich, sagten Fachleute, ihm fehlte der Killerinstinkt, einen wankenden Gegner niederzustrecken. Man könnte sagen, der 70-jährige Mann, den viele noch immer „Hansi-Burli“ nennen, verbrachte sein Leben in der Hilflosigkeit, Gutherzigkeit und Rabiatheit einer ewigen Pubertät.

Bei einer vorgezogenen Geburtstagsfeier im Marchfelderhof vergangenen Mittwoch schleuderte sein Freund Sigi Bergmann Anek­doten, wie nur er es kann. Er erzählte, wie sich Orsolics im Kleiderschrank vor der Polizei versteckt hat, wie in einem Eifersuchtsrausch ein Nebenbuhler mit dem Revolver auf ihn geschossen hat, wie seine Frau ihm Cyanamid-Tropfen in Wurstsemmeln gepanscht hat, damit er keinen Alkohol trinkt, und wie der Kammerschauspieler Robert Lindner während eines Europameisterschaftskampfes von Orsolics vor Aufregung am Ring verstarb. Natürlich haben alle anwesenden Freunde, Verwandten und Adabeis im Leben Orsolics’ diese Geschichten schon Dutzende Male gehört. Ihm selbst schien manches fremd zu klingen.
„Bist du jetzt glücklich?“, fragt Bergmann dann und Orsolics nickt, „dazu hast du allen Grund.“ Tatsächlich sieht er zufrieden aus, wenn er so dasitzt, mit seinem Kaffee, mit seiner Roswitha. Er habe alles, sagt er, ihm fehle nichts. Vor vielen Jahren hatte er in einem Interview gesagt: „Ich war immer ganz oben oder ganz unten. Die Mitte hat mich nie interessiert.“ Es scheint, als hätte er seine Mitte gefunden.

Lukas Matzinger in FALTER 19/2017



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