Hamburger Hochbahn

Ulf Erdmann Ziegler


Reden statt bauen

Der Stararchitekt setzt das Lebensgefühl der Gegenwart in Stahl, Beton und Glas um. Er entwirft die Räume und Bühnen für eine aufs Erlebnis fixierte Gesellschaft und verblüfft mit Bauten, die alle Gesetze der Gravitation außer Kraft zu setzen scheinen. Sein Name fällt beim Smalltalk in einem Atemzug mit den Namen von Filmstars oder Modelabels. Erstaunlich, dass er erst jetzt für den Roman entdeckt wurde.

Ulf Erdmann Ziegler, Jahrgang 1959, Publizist zu Fragen der Kunst, der Architektur und des Designs, debütiert mit einer Art Erziehungsroman, der in diesem Milieu handelt. Der Held von "Hamburger Hochbahn" heißt Thomas Schwarz. Anfang der Sechzigerjahre geboren, wächst er unauffällig in einer norddeutschen Provinzstadt auf. Fleißig ist er und begabt, aber er bringt es nach seinem Architekturstudium doch nur bis in die Nähe der wirklichen Meister, an jene Zeichentische, auf denen die unscheinbaren Details der spektakulären Projekte entworfen werden. Schwarz jedoch entdeckt in sich ein Talent, das ihn von anderen Kollegen unterscheidet: Er kann über Architektur schreiben, er kann für Projekte und Entwürfe werben. So bleibt er nicht länger ein Zeichenknecht, sondern wechselt als Kommunikationschef in ein anderes angesagtes Büro.

Ein unscheinbares Handlungsdetail steht hier für eine symptomatische gesellschaftliche Zäsur. Simpel gesagt: Das Handwerkliche verliert seine Bedeutung an die Kommunikation über das Handwerkliche. Nirgends lässt sich das so schön beobachten wie in der jüngsten Entwicklung der Architektur - oder der Kunst. Und so passt es auch, dass der Held mit einer erfolgreichen Künstlerin liiert ist, über deren Kunst der Leser freilich weniger erfährt als über deren Kommunikationsstrategien.

Nach so viel Verknappung wird es höchste Zeit, die genuin literarische Stärke dieses Romans zu preisen: Nicht oft wurde bis jetzt so intelligent und sinnlich zugleich über die Zeit zwischen den frühen Sechzigern und den New Yorker Anschlägen von 2001 erzählt. Ziegler beherrscht alle Register des Romans: die Reflexion, die Dialoge, die Komik, den Wechsel zwischen dem panoramatischen Blick und dem signifikanten Detail. Ein spätes Debüt, das, fast altmodisch schon, die perfekte Beherrschung des erzählerischen Handwerks vorführt.

Tobias Heyl in FALTER 19/2007



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