Eine gute Ehefrau

Stewart O'Nan


Der US-Schriftsteller Stewart O'Nan, Jahrgang 1961, hat ein Händchen sowohl für moderne Gothic Novels ("Das Glück der anderen") als auch für völlig unaufgeregte Familienromane ("Abschied von Chautauqua"). Sein jüngstes Werk liest sich ein bisschen wie eine Kombination aus beiden. "Als alles anfängt, schläft Patty und wartet im Dunkeln auf Tommy"; schon der erste Satz signalisiert - unheilschwanger und lakonisch zugleich -, dass hier etwas schiefgelaufen ist und nicht so bald vorbei sein wird: Der Einbruch, den Tommy mit einem Kumpel begeht, hat einen ungeplanten Mord zur Folge, und die schwangere Patty muss Geld für einen Anwalt aufstellen, ihre Mutter, die Tommy nie leiden konnte, um Hilfe bitten, anständige Kleidung für den Gerichtssaal auftreiben …

"Eine gute Ehefrau" variiert die zentrale Frage der meisten von O'Nans Büchern: Wie wirkt sich die Katastrophe auf das Gemeinwesen aus? Wer wird dem Druck standhalten? Kann Solidarität über Egoismus und Selbsterhaltungstrieb siegen? Der im Übrigen völlig unironisch betitelte Roman geht dieser Frage in aller unglamourösen Ausführlichkeit nach: der permanente Ausnahmezustand als Alltag, in dem sich Patty von Frist zu Frist hanteln muss. Wann kann sie Tommy besuchen? Wann wird er in ein Gefängnis mit Familienzusammenführung verlegt? Wird er vorzeitig begnadigt? Das ist zäh. Stewart O'Nan hat darüber einen langweiligen Roman geschrieben. Es ist ein notwendiges, ein großartiges Buch!

Klaus Nüchtern in FALTER 18/2007



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