Blick auf Wien

Peter Payer


Peter Payer ist ein begnadeter Wiederverwerter: Er macht aus Forschungsprojekten Bücher und wissenschaftliche Beiträge, daraus journalistische Texte, aus diesen wieder ein Buch. Die versammelten Streifzüge durch Wien sind allesamt bereits in heimischen Zeitungen zu lesen gewesen. Wahrscheinlich kann man nur so als "freier" Stadtforscher überleben. Er besieht die Stadt von allen Seiten - von oben aus der Distanz der Aussichtsberge und-türme, von unten bietet das Kanalnetz wahrlich eine Innensicht. Payer präsentiert Wien zu verschiedenen Tages-, Jahres- und historischen Zeiten und aus der Perspektive wechselnder Akteure. Er erzählt vom Wien der mächtigen Hausmeister und dem der Kanalstrotter und Miststierler, die mit den Abfällen der Stadt ihre Existenz bestritten.

Obwohl Bilder im Buch viel Platz haben, regt Payer nicht nur zum Schauen an. Vielmehr geht es darum, Wien auch mit der Nase und den Ohren zu erfassen, wobei den Autor hier vor allem die Gestankserreger und Lärmerzeuger interessieren. Ein besonderes Faible hat er für öffentliche Toiletten. Im Zuge des effizienten Recycling kommt es zu der ein oder anderen Doppelung, so wird etwa zweimal hintereinander über das einst revolutionäre "Öl-Urinoir" informiert. Dennoch: Payer verarbeitet vielfältige Quellen, legt Augenmerk auf Alltägliches und Skurrilitäten und gewährt nebenbei Einblicke in die Geschichte der Zivilisation und der Sinne, und in diejenige Wiens sowieso.

Nikola Langreiter in FALTER 17/2007



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