Die Straße

Cormac McCarthy, Nikolaus Stingl


Last Men Walking

Die Welt, in der wir leben, wird zugrunde gehen. Alles verrottet und verwest bereits. Bald wird nichts mehr daran erinnern, dass wir einmal da waren. Willkommen zu den allerletzten Tagen der Menschheit! In seinem jüngsten, vergangene Woche mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman "Die Straße" erzählt der 73-jährige US-Autor Cormac McCarthy vom nahenden Ende. Der einsiedlerisch lebende und sich seit jeher dem Literaturbetrieb verweigernde Autor gilt schon lange als Prophet des Untergangs. Trotz seines verhältnismäßig schmalen Umfangs lässt sich der Endzeitroman "Die Straße" daher als Zieldestination eines grimmigen Werks begreifen, das erst seit den frühen Neunzigern eine breitere Leserschaft erreicht und teils noch gar nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. Der Roman liefert die unausweichliche Schlusspointe, die nicht einmal mehr ein verzweifeltes Lachen auslöst, und lässt Philip Roths Sterbebuch "Jedermann" nachgerade frohsinnig erscheinen.

Ein Mann und sein Sohn wandern durch ein verbranntes Amerika: "In alle Richtungen erstreckten sich verkohlte, astlose Baumstümpfe." Ihre kümmerlichen Habseligkeiten transportieren die beiden in einem Einkaufswagen. Irgendwann gilt es auch diesen zurückzulassen. Die Vorräte neigen sich sowieso dem Ende zu. Stoßen die Protagonisten auf Häuser, sind diese meist bereits geplündert. Treffen sie andere Überlebende, ist Vorsicht angezeigt. "It's kill or be killed." Die letzten Menschen schrecken nicht davor zurück, Menschenfleisch zu essen. Der Weg soll Vater und Sohn ans Meer führen. Den Leser beschleicht bald das Gefühl, dass es den beiden keine Rettung bringen wird.

Trotz der unfassbaren Trostlosigkeit des Szenarios kann man dieses Buch nicht weglegen. Zu fesselnd ist McCarthys Stil, den Nikolaus Stingl mit großer Sorgfalt ins Deutsche übertragen hat. Die Sprache ist hier ein Gerippe, das kaum Fleisch trägt und doch von einer erschütternden Wucht ist. "Als hätte Samuel Beckett die, Nacht der lebenden Toten' geschrieben", wie ein Rezensent treffend meinte. Hoffnung findet hier nicht mehr statt, die Zeiger stehen auf fünf Minuten nach zwölf. Der Mensch klammert sich verzweifelt an die letzten Reste.

Sebastian Fasthuber in FALTER 17/2007



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