Jesus von Nazareth. Erster Teil. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung

Benedkikt XVI.


Der wahre Jesus

Papst Benedikt XVI. will seine Schäfchen intellektuell aufrüsten. Doch sein kluges Jesusbuch zeigt auch, wie tief die geistige Krise des Katholizismus ist.

Vielleicht hat es doch etwas für sich, dass Kardinäle, werden sie zum Papst gewählt, ihren alten Namen ablegen und sich einen neuen geben. Ein bisschen ist das immer auch eine Neuerfindung der Person. Besonders gilt das für Benedikt XVI. Gewiss, das Bild, das man sich vom "Panzerkardinal" Ratzinger, dem schmallippigen Großinquisitor, zurechtgeschnitzt hatte, war auch vor seiner Wahl zum Pontifex ein wenig mit der Axt zugeschlagen. Andererseits ist er mit dem neuen Amt auch zu einem neuen Menschen geworden.

Achtzig wurde Ratzinger vergangene Woche. Und der Mann ist populär. Die Pilgerströme nach Rom sind unter seinem Pontifikat nicht abgerissen, sondern noch einmal angeschwollen - verdoppelt hätten sie sich, ist erstaunt aus dem Vatikan zu vernehmen.

Ist das schon ein Zeichen für die von Ratzinger angestrebte "Re-Evangelisierung" Europas? Nun, der Hauptgrund liegt in der flächendeckenden Versorgung mit Billigfluglinien. Auch als Papst kann man vom Kapitalismus profitieren. Und spielend überholte Ratzinger mit seinem Buch "Jesus von Nazareth" vergangene Woche den demnächst erscheinenden "Harry Potter", der bisher allein dank Vorbestellungen auf Platz eins der Amazon-Verkaufsliste rangiert hatte. Der Papst ist, auch dank multimedialem Marketing und aufgeregtem Verlagsgefuchtel, Number One der Charts.

Man kommt als Papst eben den Gesetzmäßigkeiten der Entertainmentkultur so wenig aus wie als Dichter, Kapitalismuskritiker oder als demütiger Arbeiter im Weinberg des Feuilletons, und alles in allem ist der Pontifex ein kluger Mann, der einen auch angenehm überraschen kann. Wann hat man schon gesehen, dass ein Papst sich vom Thron des Lehramts hinunterbegibt, auf das ungesicherte Feld des intellektuellen Räsonierens, ein Buch schreibt und gleich auf den ersten Seiten zu Kritik einlädt? Sein Buch, schreibt der Papst, sei "in keiner Weise ein lehramtlicher Akt", es stehe "daher jedermann frei, mir zu widersprechen". Nun, freundliche Einladungen von Päpsten soll man, zumal als höflicher Mensch, nicht missachten.

Ratzingers Jesus-Buch ist klug, aber dennoch ein Dokument der tiefen geistigen Krise des Christentums. Wenn der Boden so schwankend ist, auf dem sich der Katholizismus heutzutage bewegt, dann muss man sich als Agnostiker vor der Rechristianisierung Europas nicht fürchten. Was versucht der Papst mit seinem Buch? Er will einerseits das "christliche" Jesusbild retten angesichts der Welle an "Entdeckungen" über den realen Jesus. Und andererseits will er beweisen, dass diese christliche Jesusbotschaft die wichtigste Ressource ist, den Niedrigkeiten des Zeitgeistes zu widerstehen.

Doch gerade in diesem Kern ist Ratzingers Buch erstaunlich schwach. Als intelligenter Mann kann Ratzinger die "historisch-kritische" Methode, die das Reale der Jesusgeschichte von späteren Hinzufügungen scheiden will, die sich mit der Redaktionsgeschichte des Neuen Testaments befasst, weder negieren noch abtun. Aus dieser Sicht war Jesus von Nazareth ein jüdischer Rabbi, der sich als der verheißene Messias sah. Er war eine Art sanfter Revolutionär, der die Volksfrömmigkeit gegen die etablierten, korrupten religiösen Autoritäten in Jerusalem stellte. Keineswegs sah er sich als Stifter einer neuen Religion, auch wenn die Universalisierung des bisher nur jüdischen Gottes gewiss Teil seiner Botschaft war - doch zählte der Glaube daran, dass der Gott Israels zum Licht aller Völker werde, auch vor Jesus zum Grundbestand jüdischer Prophetie.

All diese Erkenntnisse, die neuerdings für Bestseller sorgen und die Titelseiten der bunten Blätter zieren ("Der wahre Jesus", "Jesus und seine Frauen"), sind natürlich eine immense Bedrohung für die neutestamentarische Orthodoxie. Ratzinger räumt nun ein, dass die Worte des Neuen Testaments gewiss "Menschenworte" seien, aber dass sie einen "Mehrwert erahnen" lassen. Das ist schon wahr, aber eine recht schwache Abwehrstrategie: schließlich gilt das für jeden Text, dass er, einmal in die Welt gesetzt, ein eigenes Leben führt. Jedenfalls ist es eine recht dünne Basis zur Propagierung der sturen Überzeugung, dass der Jesus des Neuen Testamentes der "wahre" Jesus sei - egal, wie viel die Evangelisten, Paulus als erster "Chefideologe" und seine Nachfolger daran herumgedoktert haben.

Entsprechend dieser Prämisse liest der Papst dann das Neue Testament neu - all das ist voll von klugen theologischen Abstraktionen, und meist kommt er auch zu recht sympathischen Schlüssen. Ratzinger interpretiert die berühmten Passagen der Bergpredigt, etwa von der Seligkeit der Armut als geistige Haltung, als asketisches Ideal, von der Seligkeit derer, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit - und der Fluchtpunkt seiner Lektüre ist es, seine Kirche als dissidente, gegenstrebige Kraft in der Gegenwart zu verankern. Immer wieder ruft er aus, wie aktuell das Ganze doch sei. Dass man sich "der Kultur des Habens" entgegenstellen, "dem Diktat der herrschenden Meinungen" nicht beugen möge. Entfremdet sei der Mensch in einer Welt, "in der es nur auf Macht und Profit ankommt".

Da hat er schon Recht, der Papst, aber das sieht jeder 16-jährige Juso-Aktivist exakt genauso, und Oskar Lafontaine auch, bloß dass nicht einmal der es wagen würde, das derart plump zu formulieren. Warum genau braucht man für ein solches "Wertefundament" Gott und Jesus? Eher frappiert die Diskrepanz zwischen der Intellektualität von Ratzingers Bibellektüre und seiner appellativen Kapitalismuskritik. Für den Buchhandel ist's jedenfalls ein gutes Geschäft.

Robert Misik in FALTER 17/2007



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