Schwerkraft. Junge amerikanische Lyrik

Winkler


Sind die USA ein Volk der Dichter und Denker? Aus keinem Kulturraum werden so viele Bücher ins Deutsche übersetzt. Dabei sieht es so aus, als ob man jenseits des großen Teichs vor allem eine Gattung beherrschen würde: dicke Romane. Was aber macht die Lyrik? Gut zehn Jahre, nachdem zum letzten Mal ein Sammelband mit US-Gedichten der Gegenwart erschienen ist, gewährt die Anthologie "Schwerkraft" einen Einblick in eine unerschlossene Literaturlandschaft. "Hinten sammelt man / Patronenhülsen ein - wollt ihr da ernstlich // über Liebe sprechen?" Dieses Zitat der New Yorkerin Matthea Harvey steht stellvertretend für die politische Direktheit des von Ron Winkler zusammengestellten Bands. Der 11. September, die Bush-Politik, die Allgegenwart von Gewalt und das tägliche Bombardement der Medien, die ihren Schrott auf die Bevölkerung abwerfen, sind die verbindlichen Themen. Die 19, in den Sechziger-und Siebzigerjahren geborenen Autoren gehen nicht den in der europäischen Dichtkunst üblichen Weg der intellektuellen Mühsal, des Hochtrabenden. Sie pflegen Textformen, die sich sofort verstehen lassen. Speziell dann, wenn, wie bei Juliana Spahr, die Tradition des Beat mit aktuellen Gesten aufgeladen wird, das Copy-und-Paste des Computerzeitalters die Textarchitektur bestimmt.

Brillieren kann Ron Winkler in diesem Frühjahr gleich zweifach. In seinem Gedichtband "Fragmentierte Gewässer" gelingt dem Berliner nämlich nichts Geringeres, als das Genre Naturlyrik von dessen Patina und vom Romantikmief zu befreien. Obwohl seine Landschaftsgemälde von traditioneller europäischer Ernsthaftigkeit geprägt sind, weisen sie eine deutliche Parallele zu den US-Autoren auf. Es scheint, als habe Ron Winkler für jedes Gedicht zwei eigentlich unvereinbare Texte miteinander verschnitten: eine tradierte Landschaftsbegehung und eine Gebrauchsanweisung für das Leben im Informationszeitalter. Das ist nicht krude, sondern liest sich äußerst gewandt: "wie Farbfehler stehen schwarzweiße Kühe auf einer Wiese / sukzessive vergewissern sie sich ihres erstklassigen Sounds." Oder: "die Bäume: weiterhin Vogelstützen / die Krähen: tendenziell rabenschwarz / das Obst: leider mitgenommen."

Martin Droschke in FALTER 15/2007



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