Im Zentrum der Macht. Die vielen Gesichter des Geheimdienstchefs Maximilian Ronge

Gerhard Jagschitz, Hannes Leidinger, Verena Moritz


Die geheime Front

Die Biografie des letzten Geheimdienstchefs der Monarchie und ein Band mit bisher unveröffentlichten Fotos von den Schlachtfeldern Südost-und Osteuropas erlauben einen neuen Blick auf den Ersten Weltkrieg. Eine doppelte Lektüre.

Wer glaubt heute noch, der Krieg lasse sich abschaffen? Niemand, nicht einmal die Pazifisten." Susan Sontags moralphilosophischer Essay über moderne Kriegsberichterstattung, "Die Leiden anderer betrachten", beginnt mit einem Abgesang: Um der "Heimsuchung" durch die Bilder der Massenvernichtung im Zweiten Weltkrieg Herr zur werden, macht sie einen Schritt zurück zur massenmedialen Vorgeschichte zwischen Krim-und amerikanischem Bürgerkrieg sowie Erstem Weltkrieg. Nach diesem war weltweiter Pazifismus angesagt. Sontags Argumentation folgt dabei dem seit eineinhalb Jahrzehnten - vor allem in Frankreich und England - vorherrschenden Ersten-Weltkriegs-Boom.

Eine eingehende Neubetrachtung der "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts haben jetzt auch drei jüngere österreichische Historiker unternommen: Bei der Lektüre von "Im Zentrum der Macht - Die vielen Gesichter des Geheimdienstchefs Maximilian Ronge" von Verena Moritz und Hannes Leidinger oder von Anton Holzers "Die andere Front - Fotografie und Propaganda im Ersten Weltkrieg" wird nicht nur nachdrücklich klar, dass in Bezug auf Habsburg und Monarchie keine Nostalgie mehr angebracht ist. So wenig überraschend diese Einsicht sein mag, anders als in zahlreichen, von Habsburgerkannibalismus geprägten Darstellungen der Monarchie in den ersten Jahrzehnten der Zweiten Republik bestechen diese Untersuchungen durch Nüchternheit - die Aktualität der behandelten Bildproblematik liegt ohnedies auf der Hand.

Die beiden Bücher, die zwei Seiten einer Münze, sind besser als die übliche Biografik oder der Großteil kulturwissenschaftlich aufgearbeiteter Fotogeschichten: Anton Holzers Kontextualisierung von Bildern aus dem Ersten Weltkrieg stützt sich auf solide Archivarbeit. Im Fall des letzten Geheimdienstchefs der Monarchie, Maximilian Ronge, erfolgte erstmals eine wissenschaftliche Aufarbeitung des im Besitz seines Enkels, des Historikers Gerhard Jagschitz, befindlichen Nachlasses.

Der 1874 in eine Offiziersfamilie geborene Ronge, der von der Volksschule bis zur Militärakademie immer als Klassenbester die Karrierleiter stetig emporsteigt, ist nicht nur am Ende der Monarchie der mächtigste Mann in der militärischen Abwehr, Ronge bleibt sowohl in der Ersten wie in der beginnenden Zweiten Republik eine Art graue Eminenz der jeweils aktuellen Staatsgeschäfte. Unter den Nazis landet er im KZ. Während seines Militärdienstes in Galizien und Italien eignet sich der höchst traditionalistische Ronge eine gehörige Portion an antislawischen und antiitalienischen Ressentiments an - immer im Dienst an der guten Sache des Kaisers. Seinen vorerst größten Auftritt hat der Mitarbeiter des sogenannten "Evidenzbüros" bei der Aufdeckung des legendären, für die Armee höchst peinlichen Falles Alfred Redl: Ronges unmittelbarer Vorgesetzter hat am Vorabend des 1. Weltkriegs den Russen die Aufmarschpläne der k.u.k. Armee verkauft: Max Ronge holt dem überführten Spion seine eigene Browning, aufdass sich dieser, der Etikette entsprechend, selbst erschieße.

Ronge, der aufgrund der Errichtung einer umfassenden Informationskartei als wichtigster Erneuerer der Geheimdienstarbeit gilt, ist auch bei der bereitwilligen Übernahme der neuesten Formen von Demagogie auf der Höhe seiner Zeit. Die zentrifugalen Kräfte des Vielvölkerstaates hatten im Zentrum, unter den Abgeordneten des Reichsrates, bisweilen rabiate antislawische Polemiken entstehen lassen - eine Entwicklung, die in den Kriegsjahren 1914/15, nach militärischen Rückschlägen und Niederlagen im österreichischen Galizien, blutige Auswirkungen nach sich zog. Seit längerem ist bekannt, dass die k.u.k.-Armee nicht nur dem Zauber der Montur frönte: In Galizien (und Italien) werden zwischen dreißig-und vierzigtausend Menschen als "Spione" oder "Vaterlandsverräter" standrechtlich hingerichtet, Zehntausende werden nach Österreich für die kriegswirtschaftliche Arbeit zwangsrekrutiert und deportiert. Wo es in Anordnungen der militärischen Führung hieß: "Jeden Verdächtigen niederschießen, aber nicht verhaften!", da notierte der vor Ort befindliche Ronge im Plauderton: "Es war die erste Erschießung eines Spions, die ich mitmachte. Ein ereignisreicher Tag - nicht der erste, nicht der letzte." Gerhard Jagschitz sagt in einem Interview über seinen Großvater dann auch, dieser sei "nach heutigen Maßstäben ein Massenmörder". Einen aufgrund der Geheimdienstarbeit überraschend erfolgreichen Vorstoß bei Tarno'w-Gorlice verewigt Ronge mit einem Foto: Stolz posiert er in der Unterkunft des russischen Kommandanten, der bei der überhasteten Flucht nicht einmal mehr das Bild des Zaren von der Wand nehmen konnte.

Anton Holzers Studie "Die andere Front" hat mit der Veröffentlichung von über 500 bislang unbekannten Fotos aus den Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek unter anderem auch diesen östlichen Kriegsschauplatz zum Inhalt. Die Bilder zeigen Mord und Verwüstung: vor Hausruinen posierende Soldaten, die Züge deportierter "Vaterlandsverräter", ihre Hinrichtung oder Unterbringung in Barackenlagern. In sorgfältiger Recherche rekonstruiert Holzer etwa den fotografischen Verlauf von der Verhaftung des ehemaligen Reichsratsabgeordneten und "Vaterlandsverräters" Cesare Battisti bis zu dessen skandalösem Ende am Galgen. Die Bilder, die Karl Kraus zu einer wilden Polemik bewogen, wurden von der Armee sicherheitshalber sogleich aus dem Verkehr gezogen, ebenso jene der zahllosen Toten unter den eigenen Soldaten. "Die andere Front" zeigt auch die frühe, "zukunftsweisende" Medienkriegsstrategie der österreichischen Armeeführung auf - ganz bewusst das Schicksal der Juden Russisch-Galiziens zu dokumentieren, in der Hoffnung auf propagandistische Wirkung bei den "einflussreichen jüdischen Kreisen Amerikas".

Mit "Nie wieder Habsburg"-Transparenten demonstrieren nach dem Ende der Monarchie die Kriegsheimkehrer im linken Spektrum der politischen Landschaft der Ersten Republik. An deren rechtem Ende präsentieren sich die ehemaligen Frontkämpfer als die "wahren Helden" der Zeitgeschichte. Max Ronge übersteht das Ende der Monarchie, abgesehen von einem sicherheitshalber besuchten Handelsschulkurs, fast unbeschädigt. Mit der Heimführung von Kriegsgefangenen betraut, findet der Sozialistenhasser nicht nur unter den zum Bolschewismus konvertierten ehemaligen Soldaten ein reiches Betätigungsfeld - mithilfe des früheren Polizeipräsidenten und nunmehrigen Ministers Johann Schober übernimmt er auch diverse halboffizielle Ämter. Seine fast manische Erstellung von Karteien, eines Who's who der Eliten der Ersten Republik, ist nicht nur im Ständestaat vonnutzen - Ronge, offiziell ohne alle Funktionen, verfügt im Kanzleramt über ein Arbeitszimmer und hat vermutlich auch beim Ausbruch des Bürgerkriegs im Februar 1934 die Finger im Spiel. Vom Putschversuch der Nationalsozialisten im Juli desselben Jahres hat er keine Ahnung. Er ist mittlerweile vollständig von Nazis umgeben. Diese interessieren sich nach dem "Anschluss" naturgemäß auch für Ronge - der die angebotene Zusammenarbeit ablehnt. Der als stolzer einstiger k.u.k. Oberleutnant aufgepflanzt dastehende Ronge tritt eigentümlich grinsend den Nazibeamten gegenüber. Mit dem ersten, dem sogenannten Prominententransport, wird er ins Konzentrationslager Dachau verbracht. Infolge eines Gesuchs wird er vom Abwehrchef Wilhelm Canaris wieder freigelassen.

Scheinbar ohne Brüche führt die imposant aufgerollte Biografie des Maximilian Ronge bis in die Anfangsjahre der Zweiten Republik, wo er sich, aus der sowjetischen Besatzungszone nach Salzburg geflohen, am Aufbau des österreichischen Bundesheeres unter amerikanischer Anleitung beteiligt. Nach geordneter Übergabe seines Nachlasses - die "toten Akten" werden aussortiert - an das Österreichische Staatsarchiv stirbt der monströse Modernisierer des k.u.k. Geheimdienstes im April 1953. Private Aufzeichnungen und "lebendige" Akten bleiben in Privatbesitz. Dazu gehört auch ein scheinbar harmloses Foto des späteren Bundespräsidenten Theodor Körner, sozialdemokratischer Wehrfachmann der Ersten Republik und Gegenspieler Ronges. Körner hatte das Bild mit Widmung dem Spion Alfred Redl geschenkt (der homosexuell war, Anm. d. Red.), in dessen Wohnung es Ronge dann fand. Warum der leidenschaftliche Hobbyfotograf und Operettenliebhaber Ronge gerade dieses Foto bis an sein Lebensende aufbewahrt hat, darüber kann nur spekuliert werden. Dass ein Bundespräsident möglicherweise schwul war, könnte heute vermutlich nicht mehr Gegenstand einer Erpressung sein. Das fast bedeutungslose Bild ist plötzlich mit aller Wucht der Geschichte des Jahrhunderts aufgeladen.

"Wer eine Hölle als das bezeichnet, was sie ist, hat damit natürlich nicht gesagt, wie man Menschen aus dieser Hölle herausholen und das Höllenfeuer eindämmen kann", schreibt Susan Sontag in ihrem eingangs zitierten Essay. Mit dem Buch über Max Ronge sowie Holzers "Die andere Front" ist man jedenfalls für das kommende doppelte Gedenkjahr 1918/1938 bestens gerüstet.

Erich Klein in FALTER 15/2007



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