Rummelplatz

Werner Bräunig


Aus der Tiefe der Berge

Der nun erstmals publizierte Roman "Rummelplatz" des DDR-Schriftstellers Werner Bräunig (1934-1976) ist eine editorische, aber keineswegs eine literarische Sensation.

Er war kein Unbekannter, dieser Werner Bräunig (1934-1976), weder in der Bundesrepublik und schon gar nicht in der DDR. Heute allerdings ist er nur den Spezialisten ein Begriff, und die Frage, ob sich das durch die Publikation des nachgelassenen 770-Seiten-Schmökers "Rummelplatz" schlagartig ändern wird, ist so unberechtigt nicht. Der Roman hatte Aufsehen gemacht, damals, 1965, als Auszüge daraus in dem DDR-Organ Neue Deutsche Literatur erschienen waren; genau gelesen soll Walter Ulbricht den Text nicht haben, aber Freunde hatten ihm als Lesehilfe anstößige Stellen vorsorglich angestrichen, und das genügte, um den als begabt eingestuften Autor in Ungnade fallen zu lassen: Das Buch konnte nicht erscheinen, und Bräunig hat sich von diesem Schock nicht mehr erholt. Er publizierte zwar weiterhin Kurzprosa und Essays, an deren Linientreue kaum Zweifel aufkommen konnte, aber sein Opus magnum blieb ein Phantom, über das viel gesprochen wurde, von dem man aber nichts Genaues wusste.

Nun ist es also aufgetaucht; die Erben des Autors konnten die Publikation ermöglichen und damit auch das Interesse auf ein Werk und eine Persönlichkeit lenken, die geradezu idealtypisch eine Schriftstellerexistenz in der DDR repräsentiert. Über Bräunigs kleinbürgerlich-proletarische Herkunft weiß man wenig; die Ehe der Eltern scheiterte nach dem Kriege, der junge Bräunig kam mit den Gerichten in Berührung und war als Jugendlicher in Strafanstalten, zog sich aber am eigenen Schopf aus dem Sumpf. Er begann zu schreiben und redigierte Zeitschriften. Er suchte vor allem Verbindung zu den Werktätigen und wurde 1959 dafür ausersehen, den zentralen Aufruf der 1. Bitterfelder Konferenz zu formulieren und die schriftstellerischen Ambitionen der Arbeiter zu fördern: "Greif zur Feder, Kumpel! Schöpfe aus der Fülle Deiner Umwelt! Deines Lebens!" Mehr Erfolg hatte die 2. Bitterfelder Konferenz mit ihrer Forderung, dass die Schreibenden Erfahrungen in der Arbeitswelt zu sammeln hätten; Christa Wolfs "Geteilter Himmel" (1965) bekam von den Literaturgewaltigen zwar einiges ab, galt und gilt aber als ein gelungenes Produkt dieses Konzepts, dem auch heute noch einige durchaus positive Aspekte abzugewinnen sind. Bräunigs Roman kann als eine Synthese von Bitterfeld 1 und 2 bezeichnet werden.

Nach der Ablehnung versuchte der Autor, immerhin Dozent am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig, seinen Roman umzuschreiben, allerdings erfolglos. Übereinstimmend wird berichtet, dass er zum Alkoholiker wurde. In der offiziellen Literaturgeschichte der DDR, die 1976, also im Todesjahr des Autors, erschien und für die ein ganzes Kollektiv unter der Leitung eines Mannes namens Horst Haase verantwortlich zeichnete, wusste man von nichts: "Autoren wie Werner Bräunig und Siegfried Pietschmann veröffentlichten ausschließlich Erzählungen und Kurzgeschichten." So zynisch kann man in den Literaturgeschichten mit der Wahrheit lügen.

Wenn es den Roman nicht gäbe, man hätte ihn erfinden, ja klonen können. Er beginnt 1949 und endet mit dem 17. Juni 1953. Drei Heldenleben in der Arbeitswelt im Bereich der "Wismut", einem Paradeunternehmen im Riesengebirge, in dem manchmal bis zu 200.000 Menschen beschäftigt waren und an dem vor allem die Sowjets begreiflicherweise großes Interesse hatten. Hermann Fischer ist die Idealfigur des Romans schlechthin, ein hervorragender Bergarbeiter und Altkommunist; seine Tochter Ruth gerät ihm nach und weiß sich auch in einer nahen Papierfabrik als Maschinenführerin in einer von Männern dominierten Welt durchzusetzen. Christian Kleinschmidt ist der Dritte im Bunde, Sohn eines Leipziger Universitätsprofessors, der nach dem Abitur zur Umerziehung für zwei Jahre ins Bergwerk geschickt wird. Das sagt ihm anfänglich gar nicht zu, aber der redliche Fischer sorgt dafür, dass Kleinschmidt Geschmack an der Sache gewinnt, eine Jugendbrigade leitet und schließlich wieder zurück in den Bergbau möchte, sobald er sein Studium abgeschlossen hat.

Im Finale des Romans, das als Ende des ersten Teiles deklariert wird, weilt Hermann Fischer am 17. Juni 1953 mit seinem Jünger Christian Kleinschmidt während der Unruhen in Leipzig und stirbt den tragischen Tod eines Arbeiters, der einmal mehr tief betroffen ist von der Verblendung seiner Klassengenossen: "Wieder den falschen Führern nach, und warum, wieder nichts gelernt, und weshalb, wieder dem Anschein gefolgt, nicht der Wahrheit." Die genaue Todesursache wird uns nicht mitgeteilt.

Unklarheiten, offenkundig als Kunstmittel eingesetzt, verstören nicht nur in dieser Schlusspassage. Kaum ein Handlungsstrang wird konsequent zu Ende erzählt; das irritierte, nicht ohne Grund, schon die Literaturauguren der DDR. Man muss sich aufwendig den Inhalt zusammenreimen, was im Vergleich zum Erkenntnisgewinn zu mühsam ist. Wir erfahren viel über den Bergbau und die Papierindustrie, über Materialbeschaffung und die Folgeprobleme, und es ist nicht nur ein positives Bild, das da von der Arbeiterschaft in dem Staat gezeichnet wird, der endlich der ihre sein sollte: Da gibt es Überfälle und Sabotage, üble Nachrede und unverblümten Machismo; da gibt es philiströse Parteigenossen, Denunzianten, Lustmolche, die wir allerdings auf ihren Taten nie begleiten dürfen. Man kann sich schon vorstellen, dass ein solcher Text höheren Ortes missfiel, zumal auch manche - eher moderate - Kritik an den Sowjets durchschimmert. Einige Abschnitte spielen auch im bösen Westen, von wo aus Fachkräfte für die Papierindustrie heimtückisch abgeworben werden. Die haben sich schon vorher unbeliebt gemacht; fort mit Schaden. Die Lücken in der Organisation werden mühelos geschlossen.

Das Buch artikuliert durchgehend ein emphatisches Ja zur DDR; und die Kritik daran scheint dem Autor eher gegen den eigenen Willen in die Feder geflossen zu sein. So bigott und sexfrei waren eigentlich nur die katholischen Erbauungstexte, die uns in den Fünfzigerjahren als bildend zugemutet wurden. Da ging Brigitte Reimann (1934-1973) in ihrer "Franziska Linkerhand" (1974) - auch ein Roman, der nicht zu Lebzeiten der Autorin erschien - schon weitaus subtiler vor; und was die Schreibweise anbelangt, war im Westen selbst ein Heinrich Böll in der Erzähltechnik ein gutes Stück weiter - um von Grass, Johnson oder Walser zu schweigen. Am schlimmsten aber ist die Tatsache, dass sich in diesen ausführlichen Episoden nichts bewegt. Der Roman ist schlicht langweilig und vergleichbar mit einem Film, der nicht aus künstlerischem Kalkül in Schwarzweiß gedreht wurde, sondern aufgrund der bedauerlichen Unkenntnis der Farben seitens des Regisseurs.

Doch möchte ich nicht auf diesem dunklen Tone enden. Zunächst ist der Herausgeberin Angela Drescher zu danken; sie hat dem Buch ein informatives, gut dokumentiertes Nachwort und einen sehr genauen Sachkommentar beigegeben - beides unentbehrlich als eine wichtige Einführung in den Komplex DDR-Literatur auf dem Stande heutigen Wissens. Wer heute über dieses Land sprechen will, ist auf das Buch angewiesen, auf den Text und den Kommentar, mag der Roman in literarischer Hinsicht auch wenig befriedigen. Für die DDR-Experten ist das Buch so ein Glücksfall wie für die Prähistoriker der Ötzi.

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 15/2007



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