Die Gewaltspirale. Warum Orient und Okzident nicht miteinander können


In England muss das Sparschwein aus den Banken verschwinden und in Wien der Nikolo aus den Kindergärten verbannt werden - all das, weil es den Islam beleidigt.Dass der Realitätsgehalt dieser Beispiele gegen null geht, kümmert Udo Ulfkotte wenig, passen sie doch bestens zu seinen Verschwörungstheorien, die er in "Heiliger Krieg in Europa" ausbreitet. Die "Mutterorganisation aller heutigen islamistischen Terrorgruppen" sieht er in der 1928 in Ägypten gegründeten Muslimbruderschaft. Dieser Geheimbund suche "mit grenzenlosem Hass die europäische Kultur zu zerstören", behauptet der Mitbegründer des Vereins Pax Europa, der in Deutschland eine christlich-ökologische Partei zu gründen plant. "Islamismus" wird für Ulfkotte zum Kampfbegriff, um "naive Gutmenschen" davor zu bewahren, aus Political Correctness zum Handlanger fundamentalistischer Machenschaften zu werden. Bei der Beschreibung der "anderen" bedient er sich freilich genau jener reduktionistischen Methode, die den "Kampf der Kulturen" auf einer diskursiven Ebene erst ermöglicht.

Karin Kneissl hingegen deutet den Konflikt als "Kampf der Fundamentalisten und nicht der Zivilisationen". Die Nahostexpertin und langjährige ORF-Analytikerin beschreibt "Islamismus" nüchtern als "kontroversen Begriff", der auch mit dem politischen Islam in Verbindung gebracht wird. Der Westen exportiere Kriege in den Nahen Osten, im Gegenzug stehen westliche Städte im Visier des islamistischen Terrorismus. "Die Gewaltspirale" ist folglich historisch gewachsen und davon abhängig, "wie wir uns aus der religiösen Tradition heraus sehen und medial einander darstellen". Die Bilder, die man vom jeweils anderen hat, haben sich in den vergangenen Jahrzehnten verfestigt und schaffen so eine Atmosphäre, die für die internationalen Beziehungen "noch gefährlicher ist als die Diskussion selbst". Weil mit der Einsicht in die Macht der Bilder und der dadurch vermittelten Identitäten die daraus erwachsenden Gefahren freilich noch keineswegs gebannt sind, zeichnet auch Kneissl - bei aller Sachlichkeit - eine düstere Zukunft.

Franz Thalmair in FALTER 14/2007



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