Phi Phi Island. Ein Bericht

Josef Haslinger


Nach der Katastrophe

Josef Haslinger erzählt in "Phi Phi Island" davon, wie er und seine Familie den Tsunami überlebt haben.

Der Schriftsteller ist noch einmal davongekommen. Wüsste man nicht, dass es sich um reale Ereignisse handelt, könnte man "Phi Phi Island" für ein Drehbuch à la Haneke halten. Zumindest beginnt Josef Haslingers Erzählung über die Flutkatastrophe am 26. Dezember 2004 an der Küste Thailands so: "am 23. dezember holten wir sophie vom wiedener gymnasium ab und anschließend elias vom borg 3, einem oberstufengymnasium im bezirk landstraße, um gleich weiter zum flughafen zu fahren." Sohn Elias steht vor der Matura, das ein wenig augenzwinkernd zu feiernde Familienidyll unter Tropensonne beginnt mit Quengeleien über ein Nicht genügend in Mathematik. Bei der Ankunft geht das Gepäck kurzfristig verloren - es folgt der Strand, eine Weihnachtsfeier mit Sekt, Gespräche, wie man die kommenden zwei Wochen Erholung verbringen werde. Am nächsten Morgen werden die Haslingers von einem kaum merklichen Erdbeben geweckt. Nach dem Tsunami liegen allein auf Phi Phi Island 850 "tote körper" herum, etwa 3000 Menschen gelten als vermisst.

Haslinger erzählt die Geschichte der zufälligen Errettung seiner Familie nach einleitenden Zweifeln, ob Derartiges überhaupt literarisch verarbeitbar ist, als vordergründig direkten "Bericht". Gegenläufige, klug ineinander verschränkte Erzählstränge lassen dabei eine sehr genau dosierte Spannung entstehen. Als der Erzähler weiß, dass er nur durch die Rückkehr zum Schauplatz der Katastrophe sein Trauma (wenn überhaupt) überwinden kann, fährt er mit seiner Frau Elisabeth noch einmal nach Phi Phi Island: "nach einem jahr stehen am rand dieser dreckgrube immer noch menschen und schauen in die erinnerungen hinein."

In der Zwischenzeit hat Haslinger unzählige Fotos und Filme der Flutwelle, ihrer Zerstörungskraft und ihrer Opfer gesehen - was unmittelbar nach dem Frühstück an jenem 26. Dezember geschah, weiß er noch immer nicht. Verwunderung über das sich zurückziehende Meer, Touristen am Strand, schließlich nur Rennen ums nackte Überleben, bis die morastige Brühe über den Opfern zusammenschlägt. In knappen und präzisen Sätzen beschreibt Haslinger, wie er und seine Frau zuerst von ihren Kindern und dann voneinander getrennt werden, beide sehen sich dem Tod nah. Dabei scheut er auch vor Pathos nicht zurück: "Da standen wir mit dreckigen gesichtern, blut und dreck auch sonst überall am körper, im kopf nur einen einzigen gedanken: wir haben ein kind verloren. wir haben keine zwillinge mehr, nur noch ein einzelkind. Das zwillingsglück, auf das wir uns so viel zugute gehalten hatten, war nicht für das ganze leben gedacht." Alle vier überleben, es folgen Stunden der Angst vor einer zweiten Welle, Panik, Suche nach Überlebenden, schließlich die Rettung und Heimkehr nach Wien: Spitalsaufenthalt und Albträume.

Manche Kritiker waren so selbstgerecht, dem Buch Betroffenheitspathos und mangelndes Interesse an den Einheimischen von Phi Phi Island vorzuwerfen. Dabei könnte man gegen das Buch des Leipziger Literaturprofessors auch einen triftigeren, nämlich literarischen Vorwurf erheben: dass er immer dann, wenn die Spuren des Dramas unter der extensiven Beschreibung zu verschwinden drohen, explizit auf deren tödliche Bedeutungsschwere verweist.

In einer Novelle des Naturkatastrophenspezialisten Heinrich von Kleist heißt es an solcher Stelle wundersamer Errettung einmal: "fast war es ihm, als sollte er sich freuen." Josef Haslinger steht das dafür notwendige metaphysische Weltbild nicht mehr wirklich zur Verfügung - der buddhistische Mönch, der das Ganze als Bestrafung für die Sünden des Tourismus ansieht, wirkt nur noch verschroben. Die Beschreibung der kleinen Egoismen der Überlebenden aber, die Szenen der Plünderung und die anfängliche Weigerung der AUA, den Opfern sofort zu helfen, schließlich auch noch die Entgegennahme der nachgeschickten Wertsachen und des beinahe gestohlenen Bargelds in einem Wiener Fundamt machen "Phi Phi Island" zu mehr als bloß einem "Bericht": Die darin enthaltene Anklage macht auch das Motto des Buches, "im gedenken an die opfer der flutwelle", höchst glaubwürdig.

Erich Klein in FALTER 14/2007



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