Engel in Esslingen. Krimi

Gunter Gerlach


Kann es gutgehen, wenn ein Verlag seinen Autoren hinsichtlich des Umfangs keinerlei Spielraum lässt, sondern sie dazu anhält, ein Manuskript abzuliefern, das exakt 64 Buchseiten füllt? Vor einem Jahr startete die Hamburger Edition Nautilus den Versuch. Inzwischen ist sie bei der dritten Lieferung der Krimireihe "Kaliber .64" angekommen. Mit den neuen Bänden hat Herausgeber Volker Albers endgültig den Beweis erbracht, dass zumindest beim Genre "Mord & Totschlag" eine solche Beschränkung funktioniert. Susanne Mischke etwa lädt in "Sau tot" zu einer Hochzeit auf dem Land, die nicht aus Liebe vollzogen wird. Der Enge der dörflichen Gemeinschaft hat sie die Sehnsucht der ortsansässigen Frauen nach Robbie Williams entgegengestellt, Symbol für die unerreichbare weite Welt und deren Glücksversprechungen. Eine klassische, in diesem Fall für einen Junggesellen tödliche Konstellation.

Krimi-Altmeister Gunter Gerlach tänzelt in "Engel in Esslingen" gekonnt auf der Grenzlinie zwischen einer fotorealistischen Milieustudie und den Kleinkriminellen-Klischees der Groschenhefte. Eben aus dem Knast entlassen, planen seine beiden liebenswert-trotteligen Helden eigentlich den perfekten Banküberfall, stolpern jedoch stattdessen in ein surreales Chaos. Woran sie scheitern? Unter anderem an der pünktlichen Fertigstellung einer Eisenbahn-Baustelle.

Gabriele Wolff schließlich lässt offen, ob es "Im Dickicht" überhaupt einen Fall gibt. Bei ihr sind die 64 Seiten bereits verbraucht, als endlich eine Leiche gefunden wird. Nicht "Wer ist der Täter?" lautet die Frage, sondern: "Wer ist der Kommissar? Der Leser natürlich! Und dem haben Wolffs Figuren - eine Hausfrau aus besseren Kreisen, ihr angeblich nach China verreister Gatte und der nur äußerlich engelsgleiche Sohn - so viele Ungereimtheiten aufgetischt, dass er nach Lektüreende ins Schwitzen kommt.

"64 Seiten und Schluss!" lautet das Motto der Krimireihe. Bei so wenig Platz muss man sich als Autor ganz schön etwas einfallen lassen, um einen abgeschlossenen Fall von der Komplexität eines "Tatort" unterzubringen. Zugleich ist die Gefahr gebannt, dass sich die Spannung in Beschreibungen und Befindlichkeiten verliert.

Sebastian Fasthuber in FALTER 13/2007



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