Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier

Ingo Schulze


Alltag in Nahaufnahme

Ingo Schulzes Prosaband "Handy" wurde auf der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet: Eine starke Stimme meldet sich zurück.

Nun hat also doch ein lebender Autor den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen. Neben Ingo Schulze, Wilhelm Genazino, Wolfgang Schlüter und Antje Rávic Strubel hatte die Jury bizarrerweise auch den 1976 verstorbenen DDR-Autor Werner Bräunig mit seinem Roman "Rummelplatz" auf die Liste der Nominierten gesetzt. Ingo Schulze, dessen Wenderoman "Neue Leben" beim Rennen um den Deutschen Buchpreis im letzten Jahr leer ausging, kann das Preisgeld von 15.000 Euro bestimmt sinnvoller verwenden.

Schulze wurde 1962 in Dresden geboren und war Dramaturg, Journalist und nach dem Mauerfall Herausgeber eines Anzeigenblattes, ehe er Mitte der Neunziger auf Schriftsteller umsattelte. Der Roman "Simple Storys" und die Petersburger Erzählungen "33 Augenblicke des Glücks" machten ihn aus dem Stand zu einem der wichtigsten Autoren in Deutschland. Danach stockte die Produktion. "Neue Leben" wuchs sich zum Mammutprojekt aus, die Rezeption des mit Anspielungen gespickten Werks über einen Dramaturgen, der in der Wendezeit zum Herausgeber eines Anzeigenblattes mutiert, schwankte zwischen Lobeshymne und Verriss.

Während der acht Jahre, die Schulze an dieser Großbaustelle arbeitete, entstanden auch kürzere Texte, die nun in der handlichen Sammlung "Handy" erschienen sind. Erzählt werden darin halb autobiografische Geschichten, in denen auf den ersten Blick nichts Weltbewegendes passiert, ja aus denen die dezente Langeweile des Mittelstands gähnt. Und doch handeln sie von Ereignissen, die die gesicherten Existenzen ihres Personals kurz ins Schwanken und ein leises Schwingen in ihr flaches Gefühlsleben gebracht haben.

Ein Mann sitzt spätabends lesend in seinem Wochenendhäuschen und muss zuhören, wie vor dem Gartenzaun Jugendliche randalieren. Am nächsten Tag lernt er einen Nachbarn kennen und verrät diesem zwecks Nachbarschaftshilfe seine Handynummer, die bis dahin nur seine Frau kannte. Als einige Zeit darauf nachts sein Handy läutet, empfindet die Frau dieses Läuten als Verrat. Schweigend wartet das Paar darauf, dass das Gerät wieder verstummt.

Eine Inhaltsangabe der Titelgeschichte mutet ein bisschen wie Beckett in Berlin an, in der einfachen, aber kunstvollen Ausgestaltung des Autors ist sie aber hundert Prozent Schulze. "Viel gibt's da nicht zu erzählen", sagt eine Figur in einer anderen Geschichte. "Das ist es ja, du kommst da nicht ran." Letzteres gelingt Schulze eben doch: Er stellt auf Nahaufnahme und betrachtet scheinbare Nebensächlichkeiten unter der Lupe so lange, bis sich plötzlich etwas Erzählenswertes erkennen lässt.

Oft braucht es dazu auch einen gewissen Abstand. Einige der "dreizehn Geschichten in alter Manier" (Untertitel) blicken zurück. Den Ich-Erzählern, die durchaus auch mal Ingo Schulze heißen und von Beruf Geschichtenerzähler sein dürfen, offenbart sich oft erst nach Jahren, dass sich an diesem oder jenem Punkt in ihrem Leben etwas Wichtiges ereignet hat. Flüchtige Momente sind es, in denen Weichen gestellt werden, und oft werden sie übersehen.

Auch gerne mal übersehen wird Schulzes trockener Humor. Die witzigste Geschichte in "Handy" heißt "Schriftsteller und Transzendenz" und arbeitet sich, wie einige andere Storys auch, an der Erinnerung an den Osten ab. Der Erzähler, ein Schriftsteller, besucht seine Mutter in Dresden. Dort wird einer Nachbarin der Mutter übel mitgespielt, und zwar von einer Frau, die früher für die Stasi gearbeitet hat. Man beschließt, es ihr heimzuzahlen. Am Ende eines recht turbulenten Tages schließt der Schriftsteller: "Erschöpft von der Überfülle der Eindrücke und ratlos, wie das Erlebte angemessen zu ordnen und zu sublimieren sei, schloss ich die Augen."

Mag sein, unser Leben gibt für Literatur nicht mehr viel Stoff her. Aber Ingo Schulze macht kurzgeschichtentechnisch noch das Beste draus.

Sebastian Fasthuber in FALTER 13/2007



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