Das Google-Copy-Paste-Syndrom. Wie Netzplagiate Ausbildung und Wissen gefährden


STRG+C / STRG+V

Zu polemisch: Stefan Weber schießt in der Analyse des "Google-Copy-Paste-Syndroms" übers Ziel hinaus.

Als Bullshit-PR, Mickymausforschung und Textkultur ohne Hirn beschreibt Stefan Weber, Salzburger Medienwissenschaftler, eine immer weiter um sich greifende Praxis in der Produktion von wissenschaftlichen Texten. "Das Google-Copy-Paste-Syndrom" ist eine Reaktion auf den zunehmenden Plagiarismus im Uni-Betrieb und lässt sich vereinfacht auf die Tastaturbefehle Strg+C und Strg+V reduzieren.
Rund dreißig Prozent der Studierenden, die Textstellen aus dem Internet unreflektiert kopieren und ohne Quellenangabe in ihre eigenen wissenschaftlichen Arbeiten einbauen, geben dies sogar zu. Als Ursachen für den gängigen Textklau an heimischen Universitäten benennt Weber die abnehmende Lesekompetenz von Schülern, die Ablenkung durch neue Medien in allen Altersabschnitten und die Blindheit Lehrender für die fortgeschrittenen technischen (Betrugs-)Kompetenzen ihrer Schützlinge.
Weber hält einen gewissen Anteil der Studierenden schlichtweg für zu dumm oder zu faul für ein Studium, und versucht diese doch etwas starke Ansage mit zahlreichen und teils amüsanten Beispielen zu untermauern: Cyber-Neusprech, Tastaturisch oder Weblisch nennen die Studierenden ihre pseudokreativen Schreibweisen. Sie sprechen nicht mehr vom Lesen und Lernen, sondern vom "angenehmen Erleben von Information". Und manche lassen sich gar dabei erwischen, wenn sie im Prüfungssaal via Handy recherchieren.
Stefan Weber, der im Jahr 2002 selbst Opfer eines Plagiats wurde, behauptet im Vorwort, keinen Rachefeldzug gegen die akademische Welt und ihre Institute führen zu wollen. Dennoch liest sich das Buch des selbsternannten Plagiatjägers als etwas zu aggressives Manifest gegen ein reales Problem. Das an sich brisante Thema rückt aber hinsichtlich der verbalen Entgleisungen des Autors in den Hintergrund der Kritik und endet mit der überpolemischen Drohung: "Ich möchte nicht noch ein Buch schreiben müssen: ‚Vom Buch zum Bullshit oder: Wie sich Content in Exkrement verwandelt.'" Dieses Manifest wird den Lesern aber wohl erspart bleiben, da Weber im Jänner 2007 das Ende seiner Jagd nach Plagiaten angekündigt hat.

in FALTER 12/2007



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