1980

David Peace


Bücher aus dem Bunker

Der besessene Schnellschreiber David Peace verfasst drastische Romane über wahre Verbrechen, die den Menschen als Bestie zeigen. Auf Deutsch ist soeben "1980", der dritte Band seiner "Red Riding"-Tetralogie, erschienen.

Yorkshire muss die Hölle sein. Gewalt ist in den Büchern von David Peace allgegenwärtig, das Wetter klamm und grau, die Städte sind eine einzige Zumutung. Nehmen wir Leeds: "Ein Zusammenprall der schlimmsten Zeiten ... Mittelalter, Viktorianismus, Beton: Die dunklen Torbögen und die zerschlagenen Fensterscheiben des industriellen Verfalls (...). Eine tote Stadt, den Krähen, dem Regen und dem Ripper preisgegeben."
David Peace wurde 1967 in Yorkshire geboren, seit einigen Jahren lebt er als Sprachlehrer und Autor in Japan. In der Fremde hat er begonnen, über die Orte seiner Jugend nachzudenken und zu schreiben. Ohne Verklärung: "Meine Kindheit war schon in Ordnung, ich hatte gute Eltern aus der unteren Mittelschicht. Aber außerhalb der Haustür war das ein sehr feindseliger Flecken. Meine Kindheit fällt zusammen mit der ,Herrschaft' des Yorkshire-Rippers und dem Bergarbeiterstreik 1984/85. Die zwei großen Traumata von Yorkshire."
Wie der Yorkshire-Ripper, der Mitte der Siebziger- bis Anfang der Achtzigerjahre mehr als ein Dutzend Frauen (Prostituierte, aber auch Studentinnen) ermordete, ist Peace als Verfasser seiner Ripper-Romane ein Serientäter. Sein vielfach preisgekröntes "Red Riding Quartet" über die Jagd nach dem Mörder öffnet vier kleine Zeitfenster aus dieser Periode und konzentriert sich dabei jeweils auf die Perspektive eines bestimmten Ermittlers oder Journalisten. Gerade ist die deutsche Übersetzung des dritten Bandes der Tetralogie erschienen, "1980".
Peace ergeht sich nicht in Spekulationen über die Psyche eines Serienkillers, wie es zurzeit in Mode ist. Er interessiert sich mehr für die Umgebung als für den Mörder. Im Mittelpunkt seiner atmosphärisch dichten Texte steht ein Gefühl der Angst und Bedrohung. Die Handlung wird dominiert von Korruption, Erpressung und Gewalt – sehr viel und mitunter unfassbar roher Gewalt. Polizisten ermitteln haarsträubend fehlerhaft oder sind selbst irgendwie ins Verbrechermilieu verstrickt (einige Morde, die die Polizei dem Ripper anhängen wollte, bestritt dieser vehement, sie blieben ungeklärt). Die wenigen Ermittler, die es ernst meinen, stehen im Regen.
Peaces Bücher wären unerträglich gewalttätig und düster, wenn es nicht jeweils einen Protagonisten gäbe, mit dem sich der Leser identifizieren könnte. Der typische Peace-Held ist ein Mann zwischen dreißig und vierzig, schon jahrelang hinter dem Ripper her und davon ziemlich mitgenommen. In "1980" übernimmt der ruhelose Peter Hunter aus Manchester das Ruder, ein von schweren Schlafstörungen Geplagter, den nachts innere Stimmen verfolgen und dem auch von einigen Kollegen ziemlich übel mitgespielt wird.
"Man braucht nur ein Interesse an den finstersten Winkeln der menschlichen Seele, um sich an Peace süchtig zu lesen", hat ein Rezensent die Faszinationskraft von dessen Büchern einmal umschrieben. Der Verfasser selbst sieht sein Stochern im Trüben ziemlich illusionslos. "Kann sein, dass ich durch die ständige Beschäftigung mit dem Bösen einen besseren Einblick in die menschliche Seele erhalten habe", meint er im Interview mit dem Falter. "Aber förderlich ist das nicht. Ganz ehrlich, es fällt mir sehr schwer, die Menschheit zu mögen."
Fällt es Peace auch schwer, besonders drastische Szenen – neunzig Prozent davon dokumentierte Geschichten, seine Bücher sind fiction based on fact – niederzuschreiben? "Ich leide nicht, wenn ich schreibe, nein. Ich leide, wenn ich nicht schreibe. Deshalb schreibe ich." Zum Schreiben zieht sich David Peace, der Familie hat, in sein Büro zurück. "Eigentlich ist es mehr ein Bunker", sagt er. "Ich verlasse ihn trotzdem ungern, denn darin ist alles verstaut, was ich brauche: Musik, Bücher, Kaffee und Zigaretten."
Peace ist ein Schnellschreiber, was man seinen Büchern auch anmerkt – im positiven Sinne: Die Hektik, die die Ripper-Jäger antreibt, gibt sein atemloser Stil kongenial wieder, durch Wiederholungen und verbale Mantras entwickeln die schnell zu lesenden Texte bisweilen eine trancehafte Wirkung. Peace: "Es gibt einen Moment, an dem ich die ganzen umfangreichen Recherchen vergessen kann und mich plötzlich an den Orten und in der Zeit befinde, über die ich schreibe. Wahrscheinlich bin ich dann in Trance, ich schreibe jedenfalls sehr, sehr schnell, so als würde ich eine Filmkopie anfertigen."
Mit der Behäbigkeit hiesiger Kriminalgeschichten und ihren ach so sympathisch schrulligen Detektiven haben Peaces Romane aber auch schon gar nichts gemeinsam. Gleichzeitig halten sie einen schönen Respektabstand von den Reißbrettschockern eines Thomas Harris oder James Ellroy. Und auch mit gepflegten Verschwörungstheorien wartet Peace nicht auf. Bei ihm gibt es kein großes, welterschütterndes Komplott, nur kleine Männer, die unter Einsatz aller Mittel nach Macht, Geld, Sex und Rache streben.
Im deutschsprachigen Raum gilt das "Red Riding Quartet", das im englischen Original schon um den Millenniumswechsel erschienen ist, trotz hymnischer Rezensionen sowohl in Krimifachblättern wie im Feuilleton noch als Geheimtipp. In Großbritannien trägt sein Autor längst das Label "Kult". Nicht zuletzt auch wegen der Romane, die er seitdem veröffentlicht hat: "GB1984" greift den erwähnten Bergarbeiterstreik in Yorkshire auf und ist als Orwell'sche Dystopie vor realem Hintergrund zu lesen; "The Damned Utd." über den ebenso legendären wie umstrittenen Fußballtrainer Brian McLough, wiederum eine ziemlich wahre Geschichte, brachte ihm den kommerziellen Durchbruch.
Peace ist abonniert auf wahre Verbrechen und gilt als Erneuerer der Hardboiled-Tradition. Vor allem aber sehen viele Kritiker in ihm einen Autor, dem es gelingt, zwischen Krimi und anspruchsvoller Literatur zu vermitteln. Vereinnahmen lässt er sich indes nicht. Er freue sich zwar über Lob, sehe sich selbst aber weder als dieses oder jenes: "Ich sehe mich selbst eigentlich überhaupt nicht. Außer im Spiegel, leider." Imagefragen würden ihn kaum beschäftigen, Interpretationen seiner Texte noch weniger: "Ich weiß, das klingt arrogant, aber es interessiert mich nicht, ob die Leute meine Bücher mögen. Ich schreibe sie nur für mich. Ich würde sie auch schreiben, wenn kein Verlag sie veröffentlichen würde."

Zurzeit arbeitet der Vierzigjährige erstmals an einem Stoff aus seiner neuen Umgebung und verfasst eine "Tokyo Trilogy". "Ich habe gerade den ersten Band, ,Tokyo Year Zero', fertiggestellt. Der Roman basiert wieder mal auf der Jagd nach einem Serienmörder, der 1945 und 1946 in Tokio zehn Frauen vergewaltigt und ermordet hat. Er wird erzählt aus der Sicht eines Polizeiermittlers." Eine Fortsetzung des "Red Riding Quartet" an einem anderen Ort? "Man hat über meine Yorkshire-Romane gesagt, sie seien sehr grau. Die japanischen Bücher werden schwarz."
Was könnte helfen? Humor bestimmt nicht, und wenn es der schwarzeste wäre. Was in Peaces Romanen jedoch immer wieder durchschimmert, ist ein Interesse an religiösen Fragen, das der Autor mit seinen traurigen Helden teilt. "Wenn ich einen Wunsch frei hätte", sagt er, "dann würde ich mir wünschen, zu glauben." Allein: "So verzweifelt ich mich auch darum bemühe, ich kann an nichts glauben."

in FALTER 12/2007



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