Die Maske hinter dem Gesicht

Glück, Anselm


Mehr Sex! Mehr Blut!

Anselm Glück treibt in seinem bisherigen Opus magnum ein furioses Spiel zwischen Fiktkion und Wirklichkeit und findet "Die Maske hinter dem Gesicht", das seinem eigenen auffällig ähnlich sieht.

Beginnen wir so: In einem späten Stück Ödön von Horváths treten zu Beginn alle Figuren mit griechischen Masken auf. Nach und nach entledigen sie sich ihrer, und es werden traurige Augen, verbitterte Gesichtszüge und trotzige Mienen sichtbar. Schließlich kommt die Hauptfigur an die Reihe; von ihr heißt es in einer Regieanweisung: "K.R. Thago nimmt langsam die Maske ab; er hat überhaupt kein Gesicht."
In Anselm Glücks neuem Buch kehren sich die Horváth'schen Verhältnisse um. "Die Maske hinter dem Gesicht" nennt sich der Band, der im Titel als "Roman" bezeichnet wird, aber schon der Klappentext weiß es besser: "Nur für den Fall, dass es der Kritik nicht auffallen sollte: Dieser Roman ist natürlich keiner. Das aber perfekt. Zwar gibt es Figuren, Schauplätze, Dramen – ein Roman aber ließe sich zum Beispiel leichter nacherzählen."
Von einem Roman ließe sich – zum Beispiel – auch viel leichter behaupten, dass er fiktional sei. Bei Anselm Glück ist es das gerade nicht, denn hier wird im Text nicht das Gesicht eines Erzählers, sondern das des Autors selbst sichtbar. Sollte man jedenfalls meinen, wäre da nicht jene Maske, die – dem wunderbaren Titel entsprechend – nicht vor, sondern hinter diesem Gesicht auftaucht.
Hier geht es um die Frage, ob das, was man so schreibt, authentisch ist oder nicht. Der Emphase des Authentischen schiebt Glück einen Riegel vor, zum Beispiel in der Figur eines Herren namens Bulle-Pinzinger, von dem sich später herausstellt, dass er eigentlich Bulle-Einzinger heißt. Bei ihm handelt es sich um den Abgesandten einer sogenannten "Zentrale", die ständigen Einfluss auf das Schreiben nimmt. Die Forderungen sind klar und unmissverständlich: Da und dort eine Kurzgeschichte einschieben! Vor allem aber: mehr Blut (spritzt im Text dann und wann tatsächlich) und mehr Sex (ebenfalls dann und wann)!
Auch andere Rahmenbedingungen, ohne die das Schreiben nicht läuft, sind im Schreiben präsent: Das viele Geld zum Beispiel, das man mit einem jeden Satz verdient (Achtung Ironie! Tatsächlich verdient Glück sein Geld mit seinen Bildern), und vor allem auch das "Toppublikum". "Top" ist dieses Publikum übrigens bis zu einem genau definierten Zeitpunkt: "Ich liebe euch, das heißt, solange ihr hier lest. Falls ihr aber etwas Besseres zu tun habt, seid ihr vergessen."
Die Formulierung "Was man so schreibt" soll übrigens beschreiben, was Glück schreibt. Und tatsächlich ist dieses "so" wichtig, denn Glück schreibt eben "so", und er schreibt damit genau so, wie er zeichnet. Im Eingangstext zu "Die Maske hinter dem Gesicht", einer Art Motto, wird es klar: "Ich weiß zwar noch nicht, was ich gleich sagen werde, ich weiß aber, dass ich nicht mehr schweigen will / Etwas ist da / Ich werde mich, sozusagen aus dem Stand und aus mir heraus, kopfüber in es stürzen."
Bei vielen anderen Autoren müsste man befürchten, dass ein solcher Sturz in sich selbst zu einer literarischen Bruchlandung führt. Nicht bei Anselm Glück, denn hier gewinnt das Freud'sche "Es" einen Raum, der dem Leser Luft zum Atmen lässt. Dabei hat der Klappentext durchaus Recht. Es ist zwar leicht nachzulesen, aber schwer nachzuerzählen, was in diesem Raum und dieser Zeit "so" alles passiert, also in Graz und Wien in den letzten drei Jahren, mit allem, was für den Schreibenden dazugehört: Freunde und Feinde, teilweise beim Namen und teilweise auch anders genannt, je nach Lust und Laune: Aus "Max" (Droschl) wird "Moritz", Klaus Hoffer bleibt wie er ist. Seine Frau übrigens trägt bei einem Abendessen ein aufreizendes Kleid, wovon der Schreibende (mehr Sex!) noch tagelang träumt.

Trotz solcher und vieler anderer Details ist die "Maske hinter dem Gesicht" kein Schlüsselroman, und eine "Abrechnung" mit der Szene ist er erst recht nicht. Alle Figuren des Buches sind Agenten, und eine der Hauptagentinnen ist eine Frau namens Hel. Sie spioniert – denn so will es Anselm Glück – für jenen Mann, der in Linz die Aktivitäten zur europäischen Kulturhauptstadt plant, in Graz entsprechende Konzepte aus und macht sich dabei auch an den Schreibenden heran, oder besser gesagt: über ihn her.
So wie in dieser Geschichte läuft es bei Glück überall, das heißt, alles läuft in all diesen Geschichten direkt auf den Schreibenden zu, auf seine Masken und seine Gesichter. Bei Horváth gibt es den schönen Satz: "Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu." Anselm Glück hat sich dafür viel Zeit genommen und viele schöne Sätze hinzugefügt. Die Zentrale sagte mir, der Platz sei knapp – deshalb hier nur ein Beispiel: "Ich möchte in keiner Haut stecken."

Klaus Kastberger in FALTER 12/2007



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