QQ

Max Goldt


Wir können zufrieden sein

Nicht alles ist in Ordnung mit unserem Globus, aber es ist auch nicht alles schlecht. Wie könnte es auch, wenn soeben neue Bücher von Funny van Dannen und Max Goldt erschienen sind.

Als wir eines schönen Juni-Abends spät vom Gospel-Workshop heimkehrten, fanden wir das grüne Hühnchen völlig entkräftet und durchnässt im Straßengraben."
Solche Sätze sind es, für die die Welt seit vielen Jahren die Lieder und Geschichten des Funny van Dannen liebt. Sie beginnen formelhaft-konventionell und schaffen erst einmal eine behagliche Atmosphäre. Doch die Behaglichkeit hält nicht lange an. Irgendeine Zutat, und sei sie so strange und anachronistisch wie ein Gospel-Workshop, wendet die Stimmung ins Komische, bis schließlich ein grünes Hühnchen im Straßenrand liegt und der Leser in der Welt des Funny van Dannen angekommen ist. Dort spielt das Federvieh übrigens immer eine ganz besondere Rolle. Van Dannen weiß zum Beispiel auch eine Geschichte aus jener Zeit zu erzählen, da die Hühner noch Achselhaare hatten. Zum Geflügel und anderem Getier gesellen sich nun auch Pflanzen und Pilze: Pfifferlinge, die als Fluggeräte taugen, und ein Maiskorn, das ein Reiskorn heiratet.
"Zurück im Paradies" heißt van Dannens neuester Erzählungsband, reich gesegnet mit Flora und Fauna, bewohnt von liebenswerten Menschen. Die Männer wirken manchmal etwas schusselig, die Frauen dafür umso handfester. Sicher: Auch diese scheinbar so glücklichen Paare sind nicht vor Krisen gefeit, etwa wenn Gerda die pippisexuelle Wahrheit über ihren Heinz erfährt, der ihr seine leidenschaftlichen Orgasmen jahrelang also nur vorgespielt hat. Da trinkt Gerda in einem Zug eine Flasche Eierlikör aus, aber keine Sorge: Im Paradies genügt ein bisschen Nieswurz, um sie aus dem Koma zurückzuholen.
Man muss sich dieses Paradies wohl vorstellen als ein kleinbürgerliches Suburbia: Einfamilienhäuschen im Garten und Nachbarn, die sich mit Vornamen anreden. Die Nachbarn heißen – wen überrascht das im Paradies? – Adam und Eva, das Verhältnis zum lieben Gott kann man getrost entspannt nennen. Probleme treten hier auf, um einvernehmlich gelöst zu werden, siehe Heinz und Gerda. Immer wieder meint man, im Hintergrund dieser Geschichten eine Liedermachergitarre zu hören, harmlos und naiv.
Van Dannens Erzählungen verbreiten denn auch die wunderbare Gelassenheit seiner Lieder. Seltsam: Berühmt ist van Dannen bis heute nicht, aber (fast) jeder kennt ihn. Gibt es eigentlich jemanden, der ihn nicht mag? Ihn nicht zu mögen ist fast unmöglich, denn er zeigt, wie man sich dem bekanntlich falschen Leben entziehen kann, ohne in die Falle eines vermeintlich richtigen Lebens zu tappen. Seine Kunst ist die Poetisierung des Banalen: Ein geradezu romantisches Verfahren, die Wirklichkeit zu verklären. Und wer wollte ein solches Angebot ausschlagen?

Was für ein Sprung zu Max Goldt! Natürlich sind auch dessen Texte "irgendwie komisch". Der Titel von dessen ebenfalls soeben erschienenem Buch "QQ" knüpft nur zufällig an "Ä" von 1997 an. "QQ" meint quite quality, stille Güte, ein Begriff, der zum ersten Mal vor zwei Jahren in Goldts Band über den "Zauber des seitlich dran Vorbeigehens" eingeführt wurde. Stille Güte: Das könnte als Programm über Goldts Kolumnen in der Titanic stehen, die auch für diesen Band wieder das Material geliefert haben. Van Dannen setzt das Falsche durch Poetisierung und Verklärung außer Kraft, Max Goldt hat im Laufe der Jahre die Rolle des nachsichtigen Beobachters perfektioniert, dem die Mängel der Wirklichkeit nicht entgehen, dem es aber sein Stilgefühl verbietet, darüber öffentlich Klage zu führen. Das macht ihn zu einem ungeheuer angenehmen Zeitgenossen. Sein Gestus, aus großer Distanz auf die Welt zu blicken, strahlt bisweilen Kühle aus, seine Brillanz und seine Eleganz können einschüchtern. Man lese "Hannah Arendt hat recht": sieben Seiten, die nur von einem Fund aus irgendeiner Tageszeitung handeln, dem Satz nämlich: "In schonungslos verknappter Sprache bringt er die alltägliche Gewalt auf die Bühne und liefert so eine radikale Bestandsaufnahme des Lebensgefühls einer Generation." Der Theaterkritiker, der solches ahnungslos zu Papier gebracht hat, wird in Grund und Boden versinken, wenn er liest, wie seine Phrasen von Goldt traktiert werden. Bei Karl Kraus wäre es ihm vermutlich nicht viel schlimmer ergangen.
Nun sind die Übergänge von solcher Sprach- und Stilkritik zur unangenehmen Besserwisserei oft fließend. Und für eine solche könnte man auch Goldts Kommentar halten, wenn man ihn isoliert liest. Im Zusammenhang der Kolumnen aber sieht die Sache gleich anders aus. Man spürt ehrliche Verzweiflung darüber, dass solcher Quatsch geschrieben wird. Denn eigentlich – und da kommt er van Dannen ziemlich nahe – entspricht es Goldts Temperament viel mehr, die Welt zu loben und zu preisen, was sie ja auch verdient, wenn sie eine Paste zur Entfernung von Zahnbelag hervorbringt, die nach Orange schmeckt. Was kann man mehr verlangen? Vielleicht eine Rohlingsspindel, ein wunderbarer Gegenstand und ein wunderbares Wort sogar für all jene, die keinen Bedarf nach größeren Mengen ungebrannter CDs verspüren. Warum die Rohlingsspindel zu preisen sei, lese jeder für sich nach: Goldts hochmusikalische Sentenzen widersetzen sich zitierfähiger Kürzung.
Ja, wir können zufrieden sein. Eine Welt, in der es Bücher wie die von Funny van Dannen und Max Goldt gibt, mag nicht die beste aller denkbaren, aber ganz bestimmt keine wirklich schlechte sein.

Tobias Heyl in FALTER 12/2007



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