Sinnorientiertes Handeln zwischen...

Jürgen Kriz, Lüder Deecke


Allzeit bereit

Wer sich für die Diskussion um den freien Willen interessiert, hat vermutlich schon einmal etwas vom sogenannten Bereitschaftspotenzial gehört. Dabei handelt es sich um ein elektrisches Signal im Gehirn, das Willkürbewegungen einleitet. Der US-Biologe Benjamin Libet wies in den 1980er-Jahren nach, dass es bereits Sekundenbruchteile auftritt, bevor wir eine bewusste Willensentscheidung treffen. Was mitunter als Beweis dafür angesehen wurde, dass der freie Wille nicht existiert. Eine Schlussfolgerung, die der Wiener Neurologe Lüder Deecke, einer der beiden Entdecker des Bereitschaftspotenzials, keineswegs teilt. Seine Sicht der Dinge, die er im März 2005 bei den Wiener Vorlesungen vorstellte, liegt nun in Buchform vor. Der Band zeigt unter anderem, wie es überhaupt zur Entdeckung des Bereitschaftspotenzials kam. So viel sei verraten: Es begann mit einem Mittagessen im Freiburger "Gasthaus zum Schwanen" und einer Plauderei über das menschliche Gehirn.Verschwörung der Mysterianer

In kaum einem anderen Fachgebiet wird so schön gestritten wie in der Philosophie. Neuester Beleg: zwei Bücher über den menschlichen Geist.

Daniel Dennett ist ein Mann, den man besser nicht reizen sollte. Dem an der Tufts University in den USA lehrenden Philosophen platzt nämlich ziemlich schnell der Kragen, wenn er mit Auffassungen konfrontiert wird, die den seinen zuwiderlaufen. So geschehen im Jahr 1997, als John Searle Dennetts Theorie des menschlichen Bewusstseins im New York Review of Books kritisierte. Dennett tue so, als bestünde kein prinzipieller Unterschied zwischen einem künstlichen neuronalen Netz und einem Gehirn, das eine bunte Welt von Empfindungen hervorbringt. Mehr noch: Searle warf Dennett vor, die Existenz von Bewusstsein und subjektiven Empfindungen schlichtweg zu leugnen. Und das sei, schrieb Searle, eine "intellektuelle Pathologie".
Dennetts Replik fiel gepfeffert aus. Unter anderem enthielt sie den Hinweis, dass Searle gar nicht qualifiziert sei, hier mitzureden, weil er im Gegensatz zu ihm keine empirische Forschung am Computer betreibe. Die Debatte wurde später in anderen Zeitschriften und Büchern weitergeführt und war rückblickend wohl eine der attraktivsten öffentlichen Abwatschungen, die sich zwei philosophische Kontrahenten in den letzten Jahren geliefert haben. Wenn auch eher in dem Sinn, wie Schwergewichtsboxen oder Wrestling attraktiv sein kann: Man sieht dem Spektakel gerne zu, aber zwischen die Fronten möchte man nicht unbedingt geraten.
Eine gewisse Unduldsamkeit zeichnet Daniel Dennett auch bei der Behandlung philosophischer Probleme aus. Eines ist die Behauptung, dass die Neurowissenschaften, so erfolgreich sie bei der Erforschung des menschlichen Geistes auch sein mögen, etwas Wesentliches übersehen. Dass eine Erklärungslücke zwischen neurobiologischen Theorien und dem Ich bestehe, weil es sich eben "irgendwie anfühlt", Gefühle zu haben, Farben zu sehen, Schmerzen zu erleiden. Genau diese Kluft könne, so die Behauptung, der von außen ins Hirn blickende Forscher niemals hinreichend erklären.

Viele Gegenwartsphilosophen vertreten eine (starke oder schwache) Variante dieses Standpunktes. David Chalmers tut es, John Searle tut es, Thomas Nagel und Joseph Levine tun es auch. Nur Dennett nicht. Er attackiert diese Position in seinem neuen Buch "Süße Träume" als eine Verschwörung von Obskurantisten, die die Resultate der Wissenschaft nicht zur Kenntnis genommen hätten. "Mysterianer" nennt er sie und schwört den Leser auf seine eigene Sicht der Dinge ein, die man im gängigen Jargon "Naturalismus" bzw. "Funktionalismus" nennt. Der erste Begriff sagt ungefähr so viel wie: Man kann den menschlichen Geist aus dem Meer der Mysterien in den Hafen der objektiven Wissenschaft zurücklotsen. Und der zweite: Nur die Funktionen des Gehirns sind für dessen Erforschung von Belang, aber nicht die Art seiner Bestandteile. Dennett drückt Letzteres so aus: "Im Prinzip können Sie ihr feuchtes, organisches Gehirn durch einen Haufen Siliziumchips und Drähte ersetzen und würden sogleich fortfahren zu denken (und Bewusstsein zu haben usw.)." Das klingt ziemlich grimmig. Aber Dennetts – im Übrigen wortgewaltig vorgetragenen – Position wird man am besten dann gerecht, wenn man sie als argumentativ unterfütterten Appell betrachtet. Dieser Appell richtet sich gegen die vorherrschende Intuition, dass der Geist irgendwie aus dem restlichen Naturgeschehen herausfällt. Dennett will dem eine neue, nüchternere Sichtweise entgegensetzen: "Es hat weiterhin den Anschein, als stehe die Erde still und Sonne und Mond kreisten um sie, aber wir haben gelernt, dass es klug ist, diese mächtige Erscheinung mit Gleichgültigkeit zu betrachten. Ich sehe schon den Tag kommen, an dem sich Philosophen, Wissenschaftler und Laien über die fossilen Überreste unserer vergangenen Verwirrung angesichts des Bewusstseins lustig machen: ,Es hat weiterhin den Anschein, als würden mechanistische Theorien des Bewusstseins etwas auslassen, aber natürlich ist das eine Illusion. Faktisch erklären sie alles über das Bewusstsein, was erklärt werden muss.'"

Nicht sehr weit entfernt von Dennetts Grundhaltung ist jene seines deutschen Fachkollegen Michael Pauen. Mit einem wichtigen Unterschied: Während Dennett dem Leser eine Radikalkur verordnet, treibt Pauen in seinem Buch "Was ist der Mensch?" Naturalismus mit angezogener Handbremse. Pauen zufolge gibt zwar die Hirnforschung die Leitmotive in der Bewusstseinsdebatte vor, aber das bedeutet noch lange nicht, dass damit unser Menschenbild demontiert würde. Während bei Dennett Wissenschaft und philosophische Intuitionen fortwährend kollidieren, gehen sie bei Pauen Hand in Hand. Freilich: Für Ansichten à la Emil Heinrich du Bois-Reymond, der 1872 mit seinem berühmten "Ignoramus et ignorabimus" ("Wir wissen es nicht und wir werden es niemals wissen") den menschlichen Geist zum unlösbaren Rätsel erklärte, ist auch in der Welt des Michael Pauen kein Platz mehr. Er argumentiert, dass die Grenzen des Erforschbaren während der letzten Jahrhunderte immer im Fluss gewesen sind und es keinen Grund gebe anzunehmen, dass wir gerade im Jahr 2007 die ultimative Schranke bestimmen könnten. Andererseits seien wir keineswegs gezwungen, das Ich oder den freien Willen zur Illusion zu erklären, wie es zurzeit Mode ist. Mit weiteren Kränkungen für die Menschheit sei daher nicht zu rechnen. Es sei denn, man liest Dennett.

Robert Czepel in FALTER 12/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×