Taghelle Gegend

Angelika Reitzer


Wattierte Wohngemeinschaft

Angelika Reitzer liefert mit "Taghelle Gegend" ein poetisches Protokoll der Adoleszenz, aber auch zu viele Erklärungen.

Simple Beschreibungen alltäglicher Beobachtungen spielen die Hauptrolle in Angelika Reitzers Prosadebüt "Taghelle Gegend." Die Autorin wurde 1971 in Graz geboren, studierte in Salzburg und Berlin Germanistik und lebt nun in Wien. In ihrem Buch porträtiert sie eine junge Frau namens Maria, die aus der Provinz stammt, aber bald aus der Enge der Verhältnisse ausbricht. Sie macht sich per Autostopp auf den Weg in die Hauptstadt, wo sie in der WG eines Bekannten unterkommt. Maria jobbt als Näherin für Absolventinnen der Modeschule und wird später für Kostümarbeiten einer Theaterproduktion engagiert. Die Männer, mit denen sie Affären beginnt, sind ein älterer, abgehalfterter Regisseur mit Frau und Kind, ein Galerist mit erlesenem Kunstgeschmack und ein von sich überzeugter, exzessiver Jungschauspieler. In den Nebenrollen der Prosaskizzen, aus denen dieses Buch besteht, treten auf: blasse Eltern, die von ihren Kindern schon abgeschrieben wurden; ein älterer Bruder auf der schiefen Bahn; junge Männer und Frauen mit mehr oder weniger Zukunft, aber großer Gegenwart; spontane Partys in studentischen Kreisen; und immer wieder: Traumgespinste.
"So poetisch ist vom Erwachsenwerden einer jungen Frau noch nie erzählt worden", dichtet der Haymon-Verlag am Schutzumschlag, und man muss der Autorin zugutehalten, dass ihr Werk von dem metaphernschwangeren Gesülze, das gemeinhin als poetisch durchgeht, meilenwert entfernt ist. Im Übrigen hat der Verlag mit dem Klappentext natürlich Unrecht, weil er die "neue Subjektivität" in der Literatur der Siebziger- und Achtzigerjahre ebenso ausblendet wie die Bücher der "Wunderfräuleins" Bettina Galvani, Zoë Jenny, Judith Hermann und anderer, die sich in den spätern Neunzigerjahren allesamt mit wenig anderem als ihrem Aufwachsen beschäftigten, und das zum Teil auf forciert poetische Weise.
Angelika Reitzers Sprache ist knapp, direkt in der Aussage und tendenziell schmucklos. Aber dann wieder kippt sie unerwartet ins Vieldeutige, Assoziative, wobei in der Regel Schrägstriche und Doppelpunkte als Scharniere fungieren. Die Beschreibung eines Katers als Beispiel: "Bin ich als Ganzes ein explodiertes Feld oder liege darauf verstreut. Die Augen sind auch ganz flach, wahrscheinlich ohne Wimpern und Lider/denn hätt ich welche, dachte ich : würden sie schmerzen und : wenn ich diesen Fetzen Stoff wegschiebe, würde ich feststellen, dass ich nicht im Bett liege."
"Taghelle Gegend" folgt einem simplen Schema. Das Buch beginnt mit einigen verdichteten Prosaskizzen alltäglicher Beobachtungen und mündet im Hauptteil in Episoden über Marias Erlebnisse in den Städten, in Rückblicke auf die Kindheit und Traumberichte. Klassisches Patchwork. Erst gegen Ende fällt so etwas wie eine eigenständige Kurzgeschichte über Marias Kindheit aus dem Rahmen der Textsammlung. Darauf folgen zwei Passagen, aus denen hervorgeht, an welchem Trauma Marias Familie – und damit Maria – leidet.

Dieser Aha-Effekt aber tut dem Buch nicht gut, dessen Stärke nämlich genau darin besteht, dass die Autorin die längste Zeit nicht erklärt, warum Maria eine so seltsam zurückhaltende Figur ist, warum ihre Familie sich so verkorkst gebärdet, warum sie selbst sich immer verkorkste Freunde aussucht und warum über allem, was Maria umgibt und sieht und fühlt, trotz aller Taghelle ein dämpfender Wattebausch zu liegen scheint. Dass am Ende ein "Weil-Daher-Darum" steht, zerstört das schöne Spiel vom sinnlichen Aufsaugen der Umgebung und näht einen weitgehend stilsicheren, offenen Text zu einem Fleckerlteppich naseweiser Antworten um.

Werner Schandor in FALTER 12/2007



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