Schöne Verhältnisse

Edward St Aubyn, Ingo Herzke


Bestialische Idylle

Der Roman "Schöne Verhältnisse" des Engländers Edward St. Aubyn trägt deutlich autobiografische Züge.

Edward St. Aubyns Roman "Schöne Verhältnisse", soeben auf Deutsch erschienen, bildete 1992 unter dem englischen Originaltitel "Never mind" den ersten Teil einer Trilogie, die den Autor bekannt machte. Seit damals weiß das Publikum, dass der Autor hier seine Biografie aufarbeitet. Das wäre amüsant, würde es sich nur um eine boshafte Abrechnung mit der englischen Oberklasse handeln. St. Aubyn aber rechnet mit seinem Vater ab und gibt privateste, schreckliche Details preis. Gefragt, ob es nicht schlimmer sei, nun öffentlich als jemand dazustehen, der als Knabe von seinem Vater vergewaltigt wurde, antwortet der Autor, die Vergewaltigung sei schlimmer gewesen.
Selbst wenn wir dem Autor einen kathartischen Effekt zubilligen, ja gönnen, geraten wir als Leser dadurch in einen ordentlichen Doublebind. Die angestrebte elegante Distanzierung von den vorgeführten Monstren macht jedes literarische Mittel überflüssig, weil diese uns als moralisch verächtliche Subjekte vor Augen stehen. Die Authentizität der Beschreibung wird dadurch wieder kunstlos – wenn einer so ungebrochen von sich selber erzählt und auch die Umstände dieses Erzählens so überliefert, dass sein Schreiben als Akt der Selbstreinigung sichtbar wird, dann entwertet das zwar nicht sein Bekenntnis, aber seine literarische Technik. Die ist, abgesehen von einer quälenden Überfülle an Metaphern, gekennzeichnet von makellos bösem Witz und diabolisch funkelnden Dialogen.
Das ist schade, denn gern würden wir das reichlich vorhandene Talent des Autors zur Maliziosität und dessen reichhaltige Erfahrung im fraglichen Milieu unbeschwert genießen. Er schildert uns einen Tag im Leben der Melroses auf deren Anwesen in der Provence. Vater David Melrose, aus besten Kreisen, aber enterbt, ein sechzig Jahre alter, nicht mehr praktizierender Arzt, dafür praktizierender Trinker, von körperlichen Schmerzen geplagt und offensichtlich ein sadistisches Monster, begrüßt den Tag, indem er Ameisen ersäuft; später versengt er sie genüsslich mit seiner Zigarre. Seine Frau, die das Geld hat, erniedrigt er in Ritualen, die längst jeder sexuellen Komponente entbehren. Sie wattiert ihre Furcht vor ihm mit ständig erneuerten Wolken von Alkohol, Uppern und Downern. Der fünfjährige Patrick wird vom Vater brutal erzogen (sozusagen als Vorstufe für die ihm bevorstehende Erfahrungen in Eton wird er der Mutter gnadenlos entzogen), verprügelt und vergewaltigt.

Ist das nicht der Schlüssel zu eurer erstklassigen Bildung?", sagt seine amerikanische Freundin Anne zum nicht weit von den Melroses wohnenden Philosophen Victor. "Man verbringt seine Jugend damit, vom Erschreckten zum Erschrecker befördert zu werden, ohne dass einen irgendwelche Frauen dabei ablenken." Ein weiterer erstklassig Gebildeter trifft aus London ein, der reiche Erbe Nicholas, ein Mittvierziger, der seine ihm in keiner Hinsicht angemessene zwanzigjährige Sexualpartnerin Bridget mitbringt, die sich hauptsächlich für Marihuana und Masturbation interessiert. Das Ganze kulminiert in einem Dinner bei den Melroses und endet mit einem Horrortraum des vergewaltigten Patrick.
Er bleibt die einzige nicht monströse Figur im Buch, neben dem Hausmädchen Yvette und der Amerikanerin Anne, der es vorbehalten bleibt, erfrischende Wahrheiten auszusprechen: ",Was man erstrebt', sagte David, ,ist Ennui'. ,Natürlich', sagte Anne. ,Das ist Langeweile plus Geld, oder Langeweile plus Arroganz. Das heißt, ich finde alles langweilig, also bin ich faszinierend. Aber es scheint den Leuten gar nicht aufzufallen, dass man kein Weltbild haben kann, zu dem man nicht selbst gehört.'"

in FALTER 12/2007



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