Schwarz & Weiß. Das Leben der Diane Arbus


Wie Keksestehlen in der Nacht

Unter dem Titel "Schwarz & Weiß" ist Patricia Bosworths Biografie der Fotorevolutionärin Diane Arbus endlich ins Deutsche übersetzt. Ausgerechnet ein Biopic mit Nicole Kidman gab den Anlass.

Fotografieren, das sei für sie, wie "nachts in die Küche zu schleichen und Oreo-Kekse aus dem Kühlschrank zu stehlen", hat Diane Arbus einmal jenen Reiz des Halbverbotenen beschrieben, der sie ständig in Bewegung hielt. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren, als der amerikanische Mainstream wieder verstärkt das Ideal der effizienten Hausfrau propagierte, folgte Arbus (Jahrgang 1923 und damals selbst Ehefrau und Mutter zweier Töchter) Transvestiten, Straßenmusikern, Hermaphroditen und Huren in ihre Hotelzimmer. Mit ihrer Leica, und später der Rolleiflex, fotografierte sie Tätowierte und Nudisten, Zwillinge, Groß- und Kleinwüchsige, Menschen und Situationen, die gerade in ihrer scheinbaren Normabweichung die Normen des amerikanischen Alltags charakterisierten: "Je spezifischer deine Themen, desto genereller die Aussage", pflegte ihre Tutorin, die aus Österreich stammende Fotografin Lisette Model, Arbus einzuimpfen. Aufstöbern und abbilden, was einen selbst fasziniert, endlich, so Arbus, "lernen, keine Angst mehr zu haben".
Patricia Bosworth, die Autorin der populärsten Biografie über Diane Arbus, begegnete der Fotografin das erste Mal als Mannequin, damals, als Diane (gesprochen: "Dee-Ann") und ihr Mann Allen in ihrer Atelierwohnung noch Modestrecken für Glamour oder Vogue fotografierten. Eine nahe Vertraute war sie jedoch nie. Ihr Buch beruht auf posthumer Recherche. Bosworth sprach mit Bekannten, Freunden, Kollegen und Verwandten und rekonstruierte aus diesen im Anhang akribisch gelisteten Interviews ein ganzes Leben. Kein leichtes Unterfangen, zumal die intimsten Quellen, der Exmann und die Töchter, ihre Mitarbeit verweigerten.
Dennoch ist Bosworth gerade aus der faktischen Distanz ein Buch mit großer Sogwirkung gelungen. Ihre Sprache ist simpel und klar, und die Qualität dieser matter-of-factness hat sich auch in der deutschen Übersetzung erhalten. Das Interpretieren des Milieus, der Strömungen in Gesellschaft, Politik und Kunst, sind Bosworths Sache dagegen nicht.

Der Anlass für die Neuauflage und -übersetzung des 1984 erstveröffentlichten Bandes ist übrigens ein obskurer: Regisseur Steven Shainberg ("Secretary") hat unter dem Titel "Fur", mit Nicole Kidman und Robert Downey Jr. in den Hauptrollen, ein surreal angehauchtes Arbus-Biopic gedreht. Für Österreich steht vorerst noch kein Starttermin fest, unter www.furmovie.com verschafft jedoch der Trailer einen ersten Eindruck davon, wie sich eine batteriehennenmäßig gestresste Nicole Kidman das Dasein einer Fotografin vorstellt: die Rollei als Schmuckstück um den Hals, und wichtig: Augen immer aufreißen.
Sei's drum. Das Wichtigste, Arbus' Fotografien, finden jedenfalls weder in Buch noch Film einen Platz. Bosworth fehlten die notwendigen Rechte, und so ist ihr Band nur mit Familienfotos und alten Zeitungsartikeln bebildert. Als Ergänzung bieten sich daher die 81 Schwarz-Weiß-Tafeln im Band ".diane arbus." (Schirmer Mosel Verlag) an, eine Zusammenstellung von Diane Arbus' Tochter Doon und ihrem Mentor Marvin Israel aus Anlass der ersten großen Werkschau im MoMa. Die fand 1972 statt, ein Jahr, nachdem die Fotografin in einer besonders schweren Phase der Depression durch Aufschneiden der Pulsadern ihr Leben beendet hatte.Welterleben als Kino

ch möchte gleich klarstellen, dass es mir in diesen 120 Geschichten um das ‚Prinzip Kino' geht. Auch wenn die Kinoprojektoren einmal nicht mehr rattern, wird es, das glaube ich fest, etwas geben, ,das wie Kino funktioniert'."
Im programmatischen Vorwort zu "Geschichten vom Kino" macht Alexander Kluge klar, worum es ihm geht: Kino als Welt und Welterleben als Kino, Gedanken zur Idee des Kinos, aus denen immer wieder konkret leinwandbezogene Anekdoten um große Namen wie Fritz Lang (in dessen Umfeld Kluge 1958 seine filmische Karriere startete), Erich von Stroheim (vor dessen Mut zur "verrückten Investition" Kluge den Hut zieht) oder Jean-Luc Godard (Kluges "filmisches Leitbild") hervorglitzern. Der studierte Jurist, Autorenfilmer ("Abschied von gestern") und Fernsehproduzent Kluge, der im Februar 75 Jahre alt wurde, arbeitet parallel stets auch als Schriftsteller, dessen Stil theoretische Argumentation und Erzählfluss verbindet.
Um die Prosa im vorderen Teil zu entlasten, verbannt Kluge die hard facts in den Anhang. Hier werden konkrete Namen, Ortsangaben und Daten geliefert, die man der Vollständigkeit halber nachträglich oder wie einen Fußnotenapparat parallel lesen kann. Nicht selten erinnert Kluges System der lockeren Assoziationsmontage, das ständig Querverbindungen zu früheren filmischen und schriftstellerischen Arbeiten schlägt, an Veröffentlichungsformen im Netz – an Weblogs oder Wikis. Ein Eindruck, der die Eingangsthese des Autors stützt: Der Bestand eines Mediums als Prinzip, auch abseits seiner spezifischen Form.

Maya McKechneay in FALTER 12/2007



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