Eine kurze Geschichte der Musik

Christiane Tewinkel


Kiwigrün, sonnengelb

Sperrige Klassik? In der "Kurzen Geschichte der Musik" zerstreut Christiane Tewinkel unberechtigten Argwohn.

Ob sie von einem anderen Stern stamme, will Christiane Tewinkel eines Nachts im Treppenhaus von ihrem schwarz gewandeten Nachbarn gefragt worden sein, und das bloß, weil sie den wummernden Krach aus dessen Wohnung nicht auf Anhieb als die Musik der Rockmonstertruppe Marilyn Mansons identifizieren konnte. Die Frage war nicht ganz unberechtigt. Tewinkel stammt vom Planet Klassik. Die Musikwissenschaftlerin und Journalistin (FAZ, taz) hat gerade ihr zweites Buch veröffentlicht, und die Anekdote mit dem Nachbarn zeigt ihren Zugang: Ohne jeden Dünkel will Tewinkel mit "Eine kurze Geschichte der Musik" einen Grundkurs in Sachen klassischer Musik anbieten – auch für Freunde von Industrial und Metal.
Schon vor zwei Jahren verfolgte sie mit "Bin ich normal, wenn ich mich im Konzert langweile?" ein ähnliches Ziel. Auf 24 scheinbar naive Fragen – "Warum sind klassische Musikstücke so lang?", "Könnte man nicht statt eines Dirigenten ein Metronom vors Orchester stellen?" – gab sie profunde Antworten, die fast ohne jedes Vorwissen verständlich sind. Nun legt sie es noch grundlegender an – und holt dafür weit aus. Sehr weit: "Die Geschichte der Musik beginnt vor dreieinhalb Milliarden Jahren mit den ersten Geräuschen auf der noch jungen Erde, dem Einschlag von Meteoriten und gewaltigen Wolkenbrüchen." – Na ja.
Doch der prähistorische Exkurs nimmt nur eine Seite in Anspruch, und nach weiteren drei Seiten findet Tewinkel endlich einen guten Anfang: mit Orpheus, dem thrakischen Sänger, dem Musikermythos schlechthin. Von da ab erzählt sie kompetent und nachvollziehbar die Geschichte der Musik bis in die Gegenwart, freilich nicht linear, sondern "in vielen Fäden: roten, blauen, kiwigrünen, sonnengelben". In diesem manchmal etwas eigenwillig verplapperten, letztlich aber unterhaltsamen Stil zeichnet sie die wichtigsten Entwicklungen der abendländischen Musik nach, berichtet von bedeutenden und weniger bedeutenden Komponisten und ihren Werken, aber auch vom Wandel des Musikbetriebs, von instrumententechnischen Neuerungen, von Wirkung und Missbrauch der Musik.
Einzig die kurzen Streifzüge in die Welten von Jazz und Pop wirken ein bisschen, als solle hier noch mal ordentlich Offenheit demonstriert werden. Aufschlussreich sind sie kaum, zumal eine brennende Frage gänzlich unbeantwortet bleibt: Wer ist Marilyn Manson?

Carsten Fastner in FALTER 12/2007



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