Diesseits des Van-Allen-Gürtels

Wolfgang Herrndorf


Innerlich unbeteiligt

Wolfgang Herrndorf sieht sich alles ganz genau an und bleibt auf Distanz.

Die Vita von Wolfgang Herrndorf liest sich, als wäre sie aus dem Baukasten für deutsche Popautoren zusammengesetzt: 1965 in Hamburg geboren, hat er zunächst Malerei studiert und für die Titanic" Illustrationen gezeichnet, und erst relativ spät zu schreiben begonnen. Er lebt in Berlin, ist inoffizieller Mitarbeiter der Zentralen Intelligenz Agentur – dem Verbund der digitalen Textbohème, von der niemand mit Bestimmtheit sagen kann, was sie eigentlich macht – und schreibt für deren Kollektiv-Blog "Riesenmaschine".
Herrndorf ist vielfach vernetzt, aber in nichts zu tief verstrickt. Dafür ist er dann doch zu sehr Autor und Einzelgänger. Die letzte Erzählung in seinem Band "Diesseits des Van-Allen-Gürtels" heißt "Zentrale Intelligenz Agentur". Sie ist ein kleines Juwel jener Sorte Popliteratur, deren Kraft sich weniger aus dem Geiste der Affirmation als aus gezielten Irreführungen und Seitenhieben speist. Nicht Benjamin von Stuckrad-Barre und auch nicht Rainald Goetz standen hiefür Pate, eher der herrlich verrückte Joachim Lottmann (der denn auch einen Gastauftritt absolviert).
Aus der Sicht einer jungen Frau, die nichts mit der ZIA zu tun haben will und doch an deren grotesk aufgeblasener Gründungsveranstaltung auf einem Schloss in der Provinz teilnimmt, erzählt Herrndorf darin die Geschichte einer rauschenden Nacht. In ihrem Verlauf wird noch einmal der ganz normale Wahnsinn der kreativen Freiberufler vorgeführt. Nach dem Motto: Wir sind mittelschwer verhaltensgestört, haben irre Ideen und ganz viel Durst. Aber reicht das? In Gestalt von Lottmann gibt Herrndorf einigen Studentinnen des Leipziger Literaturinstituts immerhin den Ratschlag auf den Weg, "es sei ein Anfängerfehler, Elke Heidenreich zu ignorieren (...). In Wirklichkeit habe sie mehr Ahnung als Rainer Goetz und Diedrich Diederichsen zusammen." Rainer Goetz!
Was nun – Pop oder doch nicht? Natürlich ist Herrndorf Pop, aber er würde es nie zugeben. Der Autor, der 2002 den Roman "In Plüschgewittern" veröffentlicht hat und 2004 mit der Titelgeschichte des neuen Buches beim Bachmannwettbewerb den Publikumspreis errang, geht zu belasteten Begriffen bewusst auf Distanz. Und in der Sympathieskala steht "Pop" bei ihm nur knapp über "Neue Bürgerlichkeit".

Leichter zu fassen ist Herrndorf über die Geschichte "Der Weg des Soldaten". Sie handelt von einem Kunststudenten und speist sich zum Teil wohl aus Erfahrungen des Autors. "Sie sind innerlich unbeteiligt", lautet der Satz, den die Professorin für den Protagonisten über hat. Das ist dann auch ein wenig der Mangel von Herrndorfs Prosa. Ihr lakonischer Stil ist fein gearbeitet, das Talent für Dialoge riesig, die Verlorenheit der Figuren ebenso. Die Mischung aus Zynismus und Sehnsucht nach Nähe, die seine Helden verbreiten, hinterlässt jedoch einen lauen Eindruck.
Wenn Herrndorf etwas mit letzter Konsequenz ist, dann Beobachter: Er schaut sich die Dinge genau an, wie sie auf Berliner Kreativenpartys passieren, aber auch in Brandenburg, wo schon mal die eine oder andere gewaltbereite Glatze um die Ecke lugt. Aber er will sich keinen Reim darauf machen müssen. Das ist immer noch besser als Meinungsterror aus dem Feuilleton, aber irgendwie auch schade. So schließt man das Buch mit diesem diffusen Christl-Stürmer-Eiscremegefühl im Bauch: Da geht noch mehr!

Sebastian Fasthuber in FALTER 12/2007



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