Eine englische Art von Glück

Bernhard Robben


"Ich kann Rassismus verstehen"

Mit ihrem Bestsellerroman "Eine englische Art von Glück" hat Andrea Levy das Schicksal anglokaribischer Einwanderer thematisiert. Der "Falter" traf sie in London, um mit Levy über deren Eltern, über Multikulturalismus und die neue Respektlosigkeit zu reden.

Die Anreise zum Gespräch mit Andrea Levy führt an einem der Schauplätze ihres Romans vorbei: Finsbury Park, jenem Teil von Nordlondon, in dem die beiden Protagonisten ihres Romans "Eine englische Art von Glück" (Originaltitel "Small Island"), ein Paar aus Jamaika nach Monaten in Untermiete sein erstes eigenes Zuhause findet. Er ist heute zum Großteil ein tristes Slum. Das von extremen Einkommensunterschieden gekennzeichnete multikulturelle London erhellt die Aufstiegsambitionen der Nachkriegszeit auf ernüchternde Weise. Andererseits ist Levy selbst das lebende Gegenbeispiel einer äußerst erfolgreichen Tochter der karibischen Diaspora. Zwei Stationen mit dem Vorortezug und einen kurzen Fußweg weiter biegt man in die unauffällige Straße, wo sie zusammen mit ihrem (angelsächsisch weißen) Mann in einem unprätentiösen, aber stattlichen Haus wohnt und arbeitet. Derzeit schreibt die Fünfzigjährige an ihrem fünften Roman, will aber niemand was davon verraten, aus Angst, dass ein gelangweiltes Augenrollen ihr den ganzen Mut rauben könnte. Über "Eine englische Art von Glück" hat sie dagegen eine ganze Menge zu erzählen.

Falter: Am Anfang Ihres Buches könnte man Hortense für die Protagonistin halten. Aber dann stellen sich praktisch alle handelnden Personen als gleichberechtigte Figuren heraus. Mit wem fingen Sie denn an?
Andrea Levy: In der allerersten Fassung fing ich mit Hortense an. Ich hatte begonnen, meine Mutter darüber zu befragen, wie es war, als sie aus Jamaika nach Großbritannien zog. Die Auseinandersetzung mit dieser Zeit war die Saat dieser Geschichte.
Kamen Ihre Eltern 1948 als Teil der ersten Welle von karibischen Einwanderern nach England?
Ja, mein Vater kam auf dem Schiff "Empire Windrush" an. Einer der Gründe, warum ich dieses Buch schreiben wollte, war, dass die Überfahrt dieses Kreuzers voller Einwanderer heute in der britischen Geschichte als jener Punkt betrachtet wird, an dem Großbritannien eine multikulturelle Gesellschaft wurde. Ich fühle mich persönlich damit verbunden, aber da mein Vater schon tot war, fragte ich meine Mutter nach ihren Erfahrungen. Die Ankunft mit der "Empire Windrush", die Hochzeit, bei der sie einander eigentlich noch nicht besonders gut kannten, all das kommt aus ihrer persönlichen Geschichte.
Auch der Schock über die Zustände, die die Einwanderer in England vorfanden?
Meine Mutter verlor nie allzu viele Worte darüber, aber ich weiß, dass meine Eltern fünf Jahre lang in einem Zimmer in Earl's Court wohnten, wo sie drei Kinder miteinander hatten. Es braucht nicht viel Vorstellungskraft, um sich auszudenken, wie das gewesen sein muss.
Hortense wird nicht nur als positive Heldin geschildert. Sie hat zum Beispiel selbst eine Abneigung gegen Leute mit dünklerer Hautfarbe als sie selbst. Dieser Aspekt der jamaikanischen Gesellschaft wird ja oft verschwiegen.
Das stimmt, in Jamaika gab es eine stark ausgeprägte Pigmentokratie. Die gesellschaftliche Klasse wurde ebenso von der Hautfarbe wie vom Wohlhaben oder dem Status in der Gemeinschaft bestimmt. Das war eine Folge der Kolonialherrschaft, ein altes Nebenprodukt der Sklaverei. Es ist ein Instrument der Repression, das von den Leuten, die unterdrückt werden, aufrechterhalten wird. Ich habe dieses sehr sensible und schwierige Thema in jedem meiner Bücher angerissen und auch einmal bei einer Podiumsveranstaltung darüber gesprochen. Nachher kamen Leute auf mich zu und sagten: ‚Sie sollten wirklich nicht über so etwas reden.' Es ist beinahe ein Tabu.
Da gibt es ja noch eine sehr interessante Randbemerkung in diesem Buch. Gilberts Vater sagt: ‚Wenigstens bist du kein Jude.' Haben Sie selbst jüdische Verwandtschaft?
Mein Großvater väterlicherseits kam aus einer ziemlich orthodoxen Familien. In Jamaika gibt es seit dem 16. Jahrhundert eine große jüdische Gemeinde. Nicht viele Leute wissen das. Mein Großvater wurde da hineingeboren, aber so wie Gilberts Vater wurde er Christ, als er aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrte. Und seine Familie verstieß ihn. Ich weiß daher nichts über den jüdischen Teil meiner Familie und versuche verzweifelt, etwas über diese Wurzeln herauszufinden. Ich habe keinen Stammbaum, ich kann nicht einmal meinen Großvater finden, geschweige denn weiter zurückgehen.
Wo wir gerade bei Gilbert Joseph angelangt sind: Der kommt eigentlich von allen Figuren am besten weg, auch wenn er anfangs nicht so liebenswürdig erscheint. Aber schon sein erster innerer Monolog macht all seine Fehlhandlungen verständlich. Wenn er denkt, dann tut er das zumeist in sehr artikulierter Schriftsprache, aber seine gesprochenen Worte sind in einfachen Sätzen in einem jamaikanischen Ton gehalten.
Interessant. Ich bin eine intuitive Schreiberin, bin einfach da drin und schreibe nieder, was ich in meinem Kopf höre. Ich brauch jemand anderen, der mich auf Dinge hinweist, die zu dem Charakter dieser Figur gehören, ohne dass sie mir bewusst gewesen wären.
Im Prolog besucht Queenie, eine weitere ihrer Hauptfiguren, die große British Empire Exhibition 1924 in Wembley. Hatten Sie da ein Gespräch mit jemand, der selbst als Kind dort war?
Meine Schwiegermutter wuchs in den Midlands auf, und sie erzählte uns oft davon, wie sie zur Empire Exhibition fuhr. Ursprünglich hatte ich mir das wie ein sehr großes Kaufhaus vorgestellt, aber bei meinen Recherchen kam ich drauf, dass es eine riesenhafte Ausstellung war, die mehrere Hektar umfasste und der wir das Wembleystadion verdanken.
Die Besucher hatten einen Tag Zeit, um sich mit dem ganzen britischen Empire vertraut zu machen. Das ist ja auch eine wunderbare Metapher für das Leben in diesem Kolonialreich, von dem die Briten selbst bis auf die oberen Zehntausend eigentlich vollkommen ausgeschlossen blieben.
Absolut. Früher feierten wir jedes Jahr einen sogenannten Empire Day, an dem die Kinder sich fein herausputzten. Es war eine wichtige Sache, zum Empire zu gehören. Wenn man in der Mitte dieses Weltreichs war, gab es keinen Grund, sich mit den Außenposten zu befassen. Wenn man dagegen an der Peripherie lebte, galt das ganze Augenmerk dem Zentrum. Man wusste alles über Großbritannien, aber nichts über den Ort, an dem man eigentlich lebte.
Um gleich bei den weißen Hauptfiguren zu bleiben: Bernard ist ein Rassist, aber man kann immer noch mit ihm mitfühlen, sogar die Herkunft seines Rassismus wird angesichts der Dinge, die er im Krieg in Indien erlebt, verständlich gemacht. War das für Sie schwer zu schreiben?
Nein. Ich kann verstehen, wo Rassismus herkommt. Ich glaube zwar nicht, dass er auf einem soliden Fundament beruht, aber ein Mann wie Bernard wurde eben zu dem Selbstverständnis erzogen, dass er als weißer Engländer auf jede erdenkliche Art allen anderen Personen auf dem Planeten überlegen sei. Als ich seine Figur noch nicht ganz entwickelt hatte, fand ich ein Jahrbuch für britische Burschen aus dem Jahr 1919, und da lag alles ausgebreitet vor mir. Das war eine der Quellen, die Bernard eine Vorstellung von anderen Ländern und den Menschen dort vermittelt hätten. Da waren zum Beispiel Artikel darüber drin, wie man als Kolonialpolizist mit den Eingeborenen umzugehen hat. Bernard kommt aus jener Ära, und dieses Denken war ein Baustein seiner Identität. Aber seine Reaktion auf das, was er im Krieg erlebt, sollte auch ein Reflex sein. Er hat nie zuvor das Land verlassen und wird unter den schwierigsten Umständen in Indien abgesetzt, um das britische Empire am Laufen zu halten und schlichtend zwischen Hindus und Moslems einzugreifen. All das waren Dinge, über die ich mit Leuten sprach, die sie wirklich durchgemacht hatten. Bernard ist komplex. Die Frage ist: Hätte es für ihn Umstände gegeben, unter denen er kein Rassist geworden wäre? Wenn wir einmal die Idee weißer Überlegenheit dekonstruiert haben, können wir den Rassismus loswerden?
Der im Buch geschilderte Unterschied zwischen den Briten und den Amerikanern ist zum Teil verblüffend – etwa dass die amerikanische Armee Großbritannien intern in Städte für weiße und andere für schwarze GIs eingeteilt hatte.
Das verblüffte auch mich. Als ich meine Recherchen zu Gilbert machte, fragte mich ein Freund, ob ich das Buch "When Jim Crow Met John Bull" gelesen hätte. Das war das erste Mal, dass ich davon hörte, wie die Amerikaner ihre Rassentrennung nach Britannien importierten.
Ihr Buch erschien in Großbritannien im Jahr 2004. Seither ist es modern geworden, den Multikulturalismus zu hinterfragen. Die Leute sehnen sich offen nach einer Zeit vor der Political Correctness zurück, als man "die Dinge noch beim Namen nennen" durfte. Ihr Buch hingegen zeigt, dass es sehr wohl einen positiven Effekt hat, wenn selbst unterschwellig vorhandener Rassismus nicht offen gezeigt werden darf.
Ja, das finde ich auch. Es ist einfach höflich. In diesem Land geht Höflichkeit über alles, aber in dieser Hinsicht heißt es plötzlich, man spreche nicht die Wahrheit, solange man nicht unhöflich ist. Das ist schon komisch. Wir feiern heuer das 200-jährige Jubiläum der Abschaffung des Sklavenhandels. Das sind Dinge, über die viele Leute nicht gern reden, weil es nur alte Wunden öffnet und wir nicht mehr wirklich was damit zu tun haben wollen. In diesem Fall sollen wir also höflich diskret sein. Aber wenn einer rüde über Themen wie Einwanderung oder Leute spricht, die nicht weiß sind, gilt er plötzlich als aufrichtiger Mensch, der "das Unsagbare" ausspricht, und alle feuern ihn an: Ja, sprich dich nur aus, ist schon in Ordnung, du bist wirklich mutig, Leute zu beleidigen. Ich finde es gut, wenn man Leute mit Respekt behandelt. Ich mag es auch nicht, wenn arme weiße Leute als white trash bezeichnet werden. Das ist obszön und bringt uns nirgendwohin.


"Wer zum Teufel seid ihr?"
In Großbritannien hat sich "Eine Englische Art von Glück", der vierte Roman von Andrea Levy, eine Million Mal verkauft und seiner Autorin eine ganze Reihe von Literaturpreisen eingebracht. Vom Reggae-Poeten Linton Kwesi Johnson bis zur stockkonservativen Daily Mail konnten sich sämtliche Lager auf dieses Buch einigen – nicht zuletzt, weil Levy es versteht, alle Seiten einer von Vorurteilen, Rassismus und traumatischen Kriegserlebnissen geprägten Epoche mit erstaunlich ausgeglichenem Einfühlungsvermögen darzustellen. Das beginnt schon beim Originaltitel "Small Island" – worunter sowohl Jamaika als zu klein gewordene, verarmte Herkunftsinsel, als auch die "Mutter" Britannien als zerbombtes Zentrum des nach dem Zweiten Weltkrieg zerfallenden Kolonialreichs zu verstehen ist. "Die verdreckte Lumpenliese, die euch schließlich begrüßt, das ist sie. Schäbig, alt und verstaubt, wie eine längst Verblichene", so beschreibt Gilbert Joseph, jamaikanischer Freiwilliger bei der Royal Air Force seine erste Begegnung mit dem Land, für das er gegen Hitler in den Krieg zieht. "Sie spendet euch keinen Trost nach langer Reise, schenkt euch kein Lächeln, heißt euch nicht willkommen. Stattdessen sieht sie mit herrischem Blick auf euch herab und fragt: ‚Wer zum Teufel seid ihr?'"
Nach seinem Kriegsdienst zieht Gilbert Joseph 1948 mit der ersten Schiffsladung karibischer Einwanderer nach England, gefolgt von seiner ambitionierten Frau Hortense. Doch den diversen Demütigungen, die die beiden dort erleben, stellt Levy auch die mit steifer Oberlippe und sarkastischem Humor überspielte soziale Stigmatisierung ihrer weißen Vermieterin Queenie Bligh entgegen. Während deren ungeliebter Mann Bernard in Indien grausame Gefechte durchmachte, hat sie die deutschen Bombardements und die De-facto-Besatzung weiter Teile Großbritanniens durch verbündete amerikanische Streitkräfte durchgemacht. Jetzt, nach dem Krieg, wird sie ihrer schwarzen Mieter wegen von den Nachbarn angefeindet.
Andrea Levy erzählt ihre Geschichte auf zwei Zeitebenen – "Vorher" und "1948" – als Abfolge innerer Monologe der vier Hauptpersonen. Zwei Männer, zwei Frauen, zwei schwarz und zwei weiß. Jeder von ihnen hat spezifische sprachliche Eigenheiten, die die Autorin schlauerweise nur zum Teil schriftlich erkennbar macht. So drückt sich etwa die Jamaikanerin Hortense in perfektem Schulenglisch aus, wird dabei aber vom englischen Lebensmittelhändler nicht verstanden. Gilbert dagegen spricht in einem erkennbar jamaikanischen Ton, den Übersetzer Bernhard Robben – mangels deutscher Entsprechung – als eine Art Berliner Schnauze interpretiert. Die Assoziationen sind zwar keineswegs dieselben, aber der erfrischend ungekünstelte Stil des englischen Originals findet darin eine sehr brauchbare Entsprechung.

in FALTER 12/2007



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