Vom Blitz getroffen. Die seltsame Welt des Zufalls

Carl Freytag


Dem Zufall eine Chance

Mal ist er gut, mal schlecht, immer aber unberechenbar. Der Zufall ist ein schwieriger, aber lohnender Gegenstand, wie zwei Neuerscheinungen zeigen.

Geschichten über den Zufall beginnen nicht selten mit Viagra: Die blaue Pille wurde vom US-Pharmariesen Pfizer bekanntlich zufällig entdeckt, der Wirkstoff Sildenafil war eigentlich als Blutdrucksenker getestet worden. Erst als die männlichen Testpersonen das Medikament gar nicht mehr zurückgeben wollten, war klar, welchen zukünftigen Bestseller man im Labor zusammengemixt hatte.
Geschichten über den Zufall beginnen manchmal auch mit der Beschreibung von Würfelspielen. Eine Eins kann genauso häufig auftreten wie eine Sechs. Vorhersagen sind unmöglich.
Beispiele aus dem Buch "Der kreative Zufall" des deutschen Philosophen und Wissenschaftstheoretikers Klaus Mainzer.
"Vom Blitz getroffen. Die seltsame Welt des Zufalls" beginnt mit einem Flugzeugabsturz bei einem Landeanflug am JFK-Airport in New York und der Panik des Autors Jeffrey S. Rosenthal, bei seinem kommenden Flug in dieselbe Stadt die gleiche Katastrophe erleben zu müssen.
Egal, wie derartige Geschichten beginnen, immer lässt sich Albert Einstein zitieren: "Das, wobei unsere Berechnungen versagen, nennen wir Zufall." Diese Definition sagt nichts anderes als: Würden wir über die Bedingungen beim Würfelspiel genau Bescheid wissen, über Lage des Würfels in der Hand, Wurfbahn und Beschaffenheit des Tisches, auf den der Würfel fällt, könnten wir vorhersagen, welche Augenzahl oben liegt. Man würde nicht mehr vom Zufall sprechen können.
Aber will man das? Ist der subjektiv empfundene Zufall, der Erfolg am Roulettetisch, das Glück in der Liebe, das überraschende Treffen mit einem alten Freund nicht der Kick im Leben, eben weil man ihn nicht vorhersagen kann? Ist die zufällig eintretende Katastrophe, die aus der Bahn geratene Zellteilung, die zum Krebs führt, nicht die dunkle Seite des Lebens, deren Wahrscheinlichkeit man gar nicht wissen will, obwohl man sie doch so gern hundertprozentig ausschließen würde?
Mainzer und Rosenthal haben einen sehr unterschiedlichen Zugang zum Zufall. Rosenthal, Professor in Toronto, ist der lebende Beweis dafür, dass Statistiker keine langweiligen Menschen sind. Beschwingt begibt er sich in die Untiefen des Alltags – nicht zuletzt des virtuellen. Was macht den Internetuser zum Zufallsadressaten von Spam? Er gibt praktische Hinweise und hängt statt eines Schlusswortes ein "Abschlussexamen" an, in dem der Leser geprüft wird, ob er einen Blick für Chancen und Risiken hat.
Mainzer interessiert sich hingegen stärker für die komplexen Zusammenhänge nicht vorhersagbarer Ereignisse, wie sie, aneinandergereiht, ganz und gar nicht mehr zufällig sind und in unseren Köpfen ein geordnetes System bilden. Wo Rosenthal eher den potenziellen Schaden sieht, verweist Mainzer auf die schöpferische Kraft des Zufalls. Er analysiert das Chaos, ohne Lösungen anzubieten. Und sieht letztlich im Zufall, ob er nun positive oder negative Folgen hat, einen Sinn, weil er im kleinen oder großen Maßstab das menschliche Leben bestimmt.

Peter Illetschko in FALTER 12/2007



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