Wir sind alle Neandertaler. Warum der Mensch nicht in die moderne Welt passt


Von Natur aus so

Dem Charme der einfachen Erklärungen erliegen Leser wie Autoren gleichermaßen. Neueste Beispiele: Neandertaler und das weibliche Gehirn.

Ein behaarter, buckliger, barfüßiger Urmensch in Anzug, Krawatte und mit Aktentasche am Cover suggeriert schon alles, was uns der Rest des Buches glauben machen soll: "Wir sind alle Neandertaler" – und damit der modernen Welt gar nicht gewachsen. Evolutionspsychologie, die versucht, menschliches Verhalten als Folge evolutionär notwendiger Anpassungen vor Zehntausenden von Jahren zu erklären, boomt seit einigen Jahren, ihre Forschungsergebnisse sind oft durchaus anregend. Die Eigenschaften, die damals notwendig waren, um zu überleben und sich fortzupflanzen, so der Grundtenor, haben sich seither in die menschliche Natur eingeschrieben – erklärt wird damit alles: vom Seitensprung bis zur Spinnenphobie. Diese Erklärungen mögen im Einzelfall mehr oder weniger stichhaltig auf jeden Fall bemüht man sich in den meisten Fällen um solche.
Diese Mühe macht sich Jürgen Brater nicht. Er erfindet, wohl um die Sache zu veranschaulichen, lieber eine Neandertaler-Familie mit Vater, Mutter und Kindern, die in einer kleinen Gesellschaft lebt. Dass die Neandertaler sehr wahrscheinlich gar nicht unsere direkten Vorfahren sind, wird in der Einleitung zwar erwähnt, ist aber für die Argumentation im Rest des Buches nicht von Belang. Jedem Kapitel stellt Brater eine Episode aus dem fiktiven Leben dieser Menschengruppe voraus – und leitet danach daraus ab, warum wir heute sind, wie wir sind. Das klingt dann ungefähr so: weil die Neandertaler abends rund ums Feuer saßen, um sich zu wärmen, können wir uns heute nicht dem Reiz von Lagerfeuerromantik, offenen Kaminen oder Feuerwerken entziehen.
Brater reiht Anekdote um Anekdote über die menschliche Freude an flackernden Flammen, den Hang zum Aberglauben oder Urängste aneinander – und weil die Neandertaler das auch hatten, sind wir wie sie. Wirkliche Erklärungen, wie das zusammenhängen soll, werden gar nicht erst versucht, direkte Verweise auf einschlägige wissenschaftliche Arbeiten fehlen, was bei manchen allzu abstrusen Behauptungen besonders schmerzlich ist, und so bleibt der Erkenntnisgewinn ungefähr null.

Dem Charme der einfachen Erklärungen erliegt auch die US-amerikanische Neuropsychiaterin Louann Brizendine – und mit ihr ein Millionenpublikum. "Das weibliche Gehirn" hielt sich in seiner englischen Version wochenlang auf den Bestsellerlisten. Und auch in der deutschen Übersetzung schafft es "ein Buch, das endlich erklärt, warum Frauen sind, wie sie sind", wie im Klappentext völlig unironisch versprochen wird, auf Magazintitelseiten. Eine der Grundaussagen des Buches klingt durchaus vertraut: Frauen sind gefühlsbetont und reden viel, während Männer nur an Sex denken. Zu einfach? Scheinbar nicht. Wenn nun jemand, und noch dazu eine Frau und Naturwissenschaftlerin, endlich wieder erklärt, dass die unterschiedliche Größe des weiblichen und männlichen Gehirns und die verschiedene hormonelle Ausstattung generelle Verhaltensunterschiede der Geschlechter bedingen, dann sorgt das zumindest für ausreichenden Partygesprächsstoff – und zwar bei Frauen und Männern. Brizendine macht sich immerhin die Mühe, zahlreiche Studien zu zitieren, Gehirnstrukturen und Hormonwirkungen zu beschreiben. Viele andere Studien, die zeigen, dass es, auch biologisch betrachtet, innerhalb der Geschlechter größere Unterschiede gibt als zwischen den Geschlechtern, kommen jedoch nicht vor. Das Problem mit solchen Erklärungen, resümiert denn auch Nature, ist nicht, dass sie zu biologisch, sondern dass sie viel mehr fundamental unbiologisch sind und somit überhaupt nichts erklären. Und das Fachblatt bietet gleich eine treffende Bezeichnung für Brizendines Argumentation: Psychoneuroindoktrinologie.

Birgit Dalheimer in FALTER 12/2007



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