Können Fische durstig sein?. 251 (un)wichtige Fragen der Menschheit


Seiltanzende Elefanten

Lexika des nutzlosen Wissens boomen. Manche sind gar geschmacklos, andere wiederum liefern Munition gegen den Kreationismus.

Das englische "Trivia" meint allgemein Interessantes, auch Wissen ohne akademischen oder praktischen Nutzen. Wobei es natürlich immer auf die konkrete Situation ankommt. Man denke an die Erlösung beim schleppenden Smalltalk, wenn jemand einbringt, wann zum ersten Mal usw. Wohldosiert kann Wissen über Größtes, Schnellstes, Teuerstes und Skurrilstes ziemlich unterhaltsam sein.
Dank des "Buchs der antiken Rekorde" braucht man sich auch vor Begegnungen mit Altphilologen nicht mehr zu fürchten. Die Rekordsammlungen des Altertums sind zwar verlorengegangen, aber auf Basis klassischer Literatur konnten die Archäologen Cecilia und Allan Klynne 777 Höchstleistungen zusammenstellen. Gelistet wird unter anderem der größte Mensch (302,5 cm), der schönste Mann Athens und jener mit der empfindlichsten Haut. Der ruhte in Sybaris auf Rosenblättern und hatte morgens doch über Schürfwunden zu klagen. Weiter geht's mit Katastrophen, Politik, Bauwerke, Technik, Sport, Laster, Lust Das alles ist ermüdend, obwohl die Texte selten länger als ein paar Zeilen und gut geschrieben sind. Es tun sich aber merkwürdige Zusammenhänge auf: etwa dass – das umständlichste Attentat – Nero seine Mutter ermorden ließ (Kap. Schuld und Sühne) und dann zum Begräbnis einen seiltanzenden Elefanten aufbot (Kap. Tiere).

Im Tier-Trivia "Warum Robben kein Blau sehen und Elche ins Altersheim gehen" fordert Jörg Zittlau, unser Bild von der Evolution zu überdenken. Die sei nämlich ein "buntes Spiel" und das vielzitierte "Survival of the fittest" ein einziges Missverständnis. Wer hier spielt und was Charles Darwin tatsächlich gemeint hat, lässt der Wissenschaftsjournalist offen. Die Natur ist jedenfalls alles andere als perfekt.
Die Beispiele für Pleiten und Pannen reichen von der Ameise bis zum Wal, vom gewöhnlichen Schmutzgeier bis zum Elefantennasenfisch. Nachdem es hier in der Tierwelt schon recht menschelt – Hummeln können sich verkalkulieren, Kraken vereinsamen und Eintagsfliegen irren –, folgt mit dem zehnten Kapitel das dicke Ende des Homo sapiens. Ihn beschreibt Zittlau als "Krone der Irrtümer". Über die Hautfarben geht es weiter zum Jo-Jo-Effekt und zum überdimensionierten menschlichen Gehirn.
Die übrigen neun Kapitel behandeln die Sinne, Stress, Essen und Trinken (Alkoholprobleme bei Elchen und Seidenschwänzen!) und natürlich: Sex. Ruderenten bitte finden: size matters (42 cm). Und wer hätte gedacht, dass die Löwen im kenianischen Tsavo-Nationalpark fast alle ohne Mähne sind? "Die Tiere sehen einfach nicht mehr ein, mit einem dicken Schal herumzulaufen." Nach 192 Seiten ist man nicht unbedingt schlauer, kann aber den nächsten öden Zoobesuch sicher um ein paar gute Geschichten bereichern. Ganz abgesehen davon, dass man Kreationisten und alles Gerede von "Intelligent Design" nun ad absurdum führen kann.

Wirklich unnötig ist "Können Fische durstig sein?" Die 251 Fragen, die Erich Leisch stellt und zum Teil beantwortet, sind nur selten witzig oder aufschlussreich. Meistens leider nur blöd: "Bekommen Brandopfer Vergünstigungen in Krematorien?", "Wie weiß ein Blinder, dass er fertig ist mit Hinternputzen?" Die dazugehörigen Antworten sollen hier erspart bleiben. Dass Leischs Fragen sich auf achtzig Seiten beschränken und dass sich im Anhang 32 "richtige bzw. wissenschaftlich fundierte Lösungen" finden, ist ein schwacher Trost.

Nikola Langreiter in FALTER 12/2007



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