Wer baut Wien?

Reinhard Seiss, Friedrich Achleitner, Christian Kühn


Über den Wolken

Über den Wolken

Modern, ökologisch und preiswert: So sehen Rathauspolitiker ihre Stadt am liebsten. Der Raumplaner Reinhard Seiß ist da ganz anderer Meinung und fährt mit dem "Falter" in die Wienerberg City, um zu erklären, was er meint.

Zwischen den Ausläufern der Alpen und großteils südlich der Donau liegt Wien. 1.550.261 Menschen wohnen hier in 770.955 Wohnungen. Sie leben offensichtlich gern in dieser Stadt; in internationalen Vergleichen der Lebensqualität von Großstädten rangiert Wien stets ganz vorne. Das Leben der Wiener Stadtväter könnte also ein nicht enden wollender Sonntag sein, gäbe es nicht Menschen wie den Raumplaner und Publizisten Reinhard Seiß, der in seinen Artikeln und nun auch in dem Buch "Wer baut Wien?" die Sünden der kommunalen Planungs-und Baupolitik aufzählt: den stetig wachsenden Autoverkehr, die geringen Freiflächen zwischen den neuen Hochhäusern oder wie willfährig die Stadt die Wünsche von Investoren erfüllt. Für sie würden Äcker in Bauland umgewidmet, mächtige Immobilienentwickler lassen ihre Spekulationsobjekte über die Bauordnung hinaus in den Himmel wachsen. Und wenn der austrokanadische Unternehmer Frank Stronach mit seinen Dollars winkt und ein Stadion in die Rothneusiedler Pampa pflanzen möchte, bekomme er als Dankeschön eine U-Bahn-Verbindung hinterhergebaut. So entsteht bei Seiß der Eindruck, als würde Wien von dunklen Mächten an den Interessen der Allgemeinheit vorbeigebaut. "Eine Vielzahl vor allem großmaßstäblicher Bauten entstand in deutlicher Abweichung von den hehren planungs-, verkehrs-und grünraumpolitischen Grundsätzen, und zwar keineswegs im Widerspruch zum Rathaus, sondern mit dessen tatkräftiger Unterstützung", schreibt Seiß. Und wenn er Rathaus sagt, meint er die seit Jahrzehnten regierende SPÖ.

Wer in die Wienerberg City im Süden der Stadt fährt, versteht, was Seiß meint. Auf dem Gelände der ehemaligen Lehmgruben, in denen bis in die Nachkriegszeit Ton für die Ziegelherstellung abgebaut wurde, leben 3000 Menschen in 1100 Wohnungen; in den Twin Towers am östlichen Rand arbeiten über 5000 Menschen. Die nächste U-Bahn-Station ist nur per Bus erreichbar. Heftige Windböen schieben den Besucher an vier dicht nebeneinanderliegenden, bis zu hundert Meter hohen Wohntürmen vorbei, deren Bewohner in den unteren Etagen in der Düsternis eines Lichthofes leben und auf die Hauswand gegenüber schauen. Freien Blick auf den Schneeberg haben nur die obersten, frei finanzierten Wohnungen. Hat man sich so ein von prominenten Architektenbüros wie Coop-Himmelb(l)au oder Delugan-Meissl gestaltetes Wohnparadies vorzustellen? Ein paar Kinder schießen einen Fußball gegen eine Betonwand zwischen den weiter südlich gelegenen niedrigeren Häusern. Ein Gerüst schützt die Passanten vor vom Wind heruntergerissenen Fensterscheiben. Ein Kinderspielbereich oder Fußballplatz ist nicht zu sehen, dafür Garageneinfahrten und, wie die Faust aufs Aug, ein Magazingebäude der Magistratsabteilung 48 (Abfallwirtschaft und Straßenreinigung). Seiß zitiert kopfschüttelnd aus der Wiener Bauordnung, die für neuerrichtete Wohnbauten mit mehr als 15 Wohnungen zumindest einen Spielplatz vorsieht, im Freien und in Sicht-und Rufweite möglichst aller Wohnungen. Ein Mieter erklärt, es gäbe zwar Spielräume innerhalb der Gebäude, aber niemanden, der sich für deren Einrichtung zuständig fühlt. Dass hier Kinder wohnen, bekommt man erst im Kinozentrum im Sockelbereich der Twin Towers mit. Dort spielen die Kleinen auf den Rolltreppen. Im Kaufvertrag des Wohnbauträgers stand kleingedruckt, dass sich "bei der Gestaltung der Allgemeinflächen noch Änderungen ergeben können". "Dass das heißt, es gibt keine Spielplätze, habe ich nicht gewusst", sagt der vom Falter befragte Bewohner. Seiß spricht von einem "einzigartigen stadtplanerischen Sündenfall"; wer hat ihn zu verantworten?

"Wenn es dem Herrn Seiß nicht gefällt, braucht er ja nicht hinzuziehen", kontert der für Stadtentwicklung und Verkehr zuständige Stadtrat Rudolf Schicker (SPÖ). "Entweder will man im Hochhaus wohnen oder nicht. Bei einem Hochhauscluster ist der Zwischenraum nicht die spannendste städtebauliche Lösung." Der Freiraum zwischen den Hochhäusern habe immer die Tendenz, entweder zu großzügig und daher windanfällig zu sein - wie auf der Donau City - oder die notwendige Dichte zu erreichen und daher auf der ebenen Erde ein Belichtungsproblem zu haben. "Es hätte keinen Sinn gehabt, die nach der Bauordnung notwendigen Kinderspielplätze hier zu situieren, sonst hätte man berechtigterweise die Diskussion geführt, warum setzt ihr die Kinder in den Schatten?" Daher entschied man sich dafür, die Spielflächen im nahen Grünbereich des Wienerbergs einzurichten. Sie stehen seit Monaten knietief unter Wasser. Bezahlen muss sie auch nicht der Investor, sondern die öffentliche Hand. Und starken Wind gab es am Wienerberg schon, als hier noch Ziegel gefertigt wurden.

Das wussten offensichtlich auch die Planungsbeamten im Rathaus, denn im Leitbild des Stadtentwicklungsplans von 1994 (STEP 94) ist das Gelände des Ziegelherstellers Wienerberger AG als Betriebsgebiet vorgesehen. Im selben Jahr erstellt Wienerberger AG einen Flächenwidmungsplan, der plötzlich auch Wohnbau ermöglichte, obwohl das Gelände fernab jeder U-, S-und Straßenbahn liegt. "Das städtebauliche Konzept stammt von dem international sehr renommierten Architekten Massimiliano Fuksas. Es wurde Anfang der Neunzigerjahre diskutiert und hat damals Wohlgefallen gefunden", erinnert sich Schicker. "Möglicherweise hat man es sich nicht vorstellen können, wie es kommen wird." Seiß zufolge hätten die kommunalen Planer sehr wohl wissen können, dass sie 35 Millionen Euro Wohnbauförderung in ein Projekt stecken, von dem in erster Linie der private Grundeigentümer durch die Umwidmung profitiert. Im Sommer 2004 wurde dann die Widmungswidrigkeit vieler Gebäude beseitigt, indem das Rathaus mit einem neuen Bebauungsplan den tatsächlichen Baubestand rechtlich nachvollzieht. Da wohnten bereits Tausende Menschen in Gebäuden, die es so eigentlich nicht geben dürfte. Hinter der schicken Haut klappern die Skelette der öden Wohn-und Bürosilos der Sechzigerjahre; sie würden gut in die überholten Konzepte einer autogerechten Stadt passen. Seiß nennt so etwas undemokratisch und volkswirtschaftlichen Zielen zuwiderlaufend. Investoren bekommen zu viel für das, was sie zahlen. Das Modell einer sozial gerechten Bodennutzung wie sie etwa in München praktiziert wird, in dem jede Widmung eine Verpflichtung nach sich zieht, sei in Wien unbekannt. "Sie wünschen, wir planen", ätzte der Architekturkritiker Robert Temel unlängst im Standard über den Vormarsch des Investorenstädtebaus.

Wie ein Wölkchen schiebt sich die Kritik des 36-jährigen gebürtigen Oberösterreichers Seiß vor die Rathaussonne, die in ihrem PR-Reich eigentlich nie untergeht. Fast täglich fällt aus einer Tages-oder Wochenzeitung eine Beilage, in der für geförderte Mietwohnungen in kinderfreundlicher Nähe zu einer Grünzone oder eine neue generationenübergreifende Wohnanlage mit Schwimmbad und Sauna geworben wird. "Da braucht man erst gar nicht um drei Ecken herumdenken: Die Wohnbauförderung beziehenden Bauträger versorgen die Zeitungen mit großzügigen Inseraten, und die Zeitungen schreiben dann gut über die Produkte", sagt Seiß. "Wohnen in einem erholsamen Umfeld", hält der Wohnbauträger Buwog im neuen Wohnkomplex Cubino am Laaer Berg für möglich. Drei Zimmer für nur 570 Euro. Wenige Meter entfernt donnert der Verkehr der achtspurigen Südosttangente vorbei. "Das ist derselbe Vorwurf, den man gewöhnlich Urlaubsprospekten macht", sagt Stadtrat Schicker. "Wenn ich mich dafür entscheide, eine Wohnung zu suchen und dafür wesentlich mehr Geld als für einen Urlaub in die Hand zu nehmen, dann werde ich mir die Gegend anschauen. Einzuziehen und dann zu sagen, aber der Wohnbauträger hat mir den freien Blick aufs Mittelmeer versprochen, und den gibt es dann nicht, ist ein bisschen zu einfach." Warum die Stadt dem Wohnbauträger überhaupt die Genehmigung erteilte, neben einer der meistbefahrenen Straßen Europas zu bauen, sagt er nicht.

In den sich um die hübschen Computergrafiken der Wohnbaubeilagen herumrankenden Interviews wird beinhart nachgefragt. "Ökologisches Wohnen hat in Wien eine lange Tradition. Wollen Sie das weiterführen?", wird etwa der neue Wohnbaustadtrat Michael Ludwig in die Mangel genommen; er schwärmt dann von dem kommunal forcierten Bau von Niedrigenergiehäusern. Seiß' Bilanz der Umweltmusterstadt fällt etwas weniger sonnig aus. Er zählt die geplanten Autobahnneubauten, die gleichbleibenden Parkgebühren und die Subventionierung neuer Garagen auf. "Kein Wunder, dass das Rathaus sein selbstgestecktes Ziel, den Autoverkehr von 35 auf 25 Prozent zu senken, im Masterplan Verkehr 2003 auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben hat." In den Augen von Seiß wird Wien also von Politikern gebaut, die die Gesundheit ihrer Bürger nicht ernst nehmen.

Dabei verkörpert Seiß nicht gerade den Typus des besserwisserischen Ökofundis. Nie schweift der hemdsärmelige Vater zweier Kinder in städtebauliche Modethemen oder Fachdiskurse ab. Er sagt öfters "Hundstrümmerl" als "Masterplan". Mit seiner pragmatischen Eloquenz plus Schlagseite zur Parteilichkeit hätte er das Zeug zum Mitarbeiter des Monats in einer Immobilienfirma. Warum, fragt er, muss sich Wien, im Gegensatz zu anderen Kommunen, keiner übergeordneten Planungsebene gegenüber verantworten? Warum hat Wien, im Gegensatz zu den anderen Ländern, kein eigenes Raumordnungsgesetz? Die Architekten unterteilt er in Vorschwimmer, Mitschwimmer und eine Handvoll Gegenschwimmer. Den Bauträgern wirft er vor, nicht innovativ genug zu sein und, wie beim Umbau der Gasometer, architektonischen Eitelkeiten gegenüber den Bedürfnissen der Bewohner den Vorzug zu geben. Städtebauliche Qualität ist für ihn, wenn wie in Berlin die Gehsteige 2,5 Meter breit und nicht 1,2 Meter schmal und mit Hundekot übersät sind. Und wenn man nicht alle paar Meter auf einen Plakatständer der gemeindenahen Werbefirma Gewista stößt. "Er meidet bewusst die Grauzonen harmonisierender Objektivität", schreibt der Architekturhistoriker Friedrich Achleitner im Vorwort zu "Wer baut Wien?". Die meisten der von Seiß verwendeten brisanten Zitate über die Verwicklungen der SPÖ-Stadtregierung mit Wohnbauträgern oder Werbefirmen stammen übrigens aus dem Munde von Oppositionspolitikern.

Hinter dem Match Seiß gegen Schicker verbirgt sich also auch ein politischer Konflikt mit kulturellen Wurzeln. Dem Bürger mit dem Bonus der parteipolitischen Unabhängigkeit steht der typische Wiener SPÖ-Berufspolitiker gegenüber: aufgewachsen im Gemeindebau, Eltern Gemeindebedienstete, dann die Karriere vom Roten Falken bis zum Stadtrat. Wenn der Stadtrat in die Kamera blickt, ist der hinter ihm stehende, 400 Personen umfassende Magistratsapparat unsichtbar; dort sitzen einige Experten, die Seiß hinter vorgehaltener Hand Recht geben und über ihm thront der Bürgermeister, an den sich die Investoren direkt wenden. Er muss im Jahr die Bauflächen für 5000 Wohnungen finden und schauen, dass die Unternehmen nicht nach Bratislava abwandern. Die neuen Bevölkerungsprognosen gehen von 140.000 Zuwanderern in den nächsten zehn Jahren aus; die rechtspopulistische Opposition reibt sich schon die Hände. Und dann gibt es da noch die kleine, aber meinungsbildende Gruppe neuer Selbstständiger, die sich - wie Seiß - mit schlechtbezahlten Jobs in kreativen Berufen, Medien und der Forschung durchschlägt. Sie suchen vergeblich nach einem Platz auf Schickers Reißbrett und wollen ihn auch gar nicht finden: Was interessiert einen die Stadt von morgen, wenn man nicht weiß, ob der nächste Projektantrag positiv beantwortet wird. Sie sprechen von Nischen, nicht von Normen, und meinen damit das Planen des Unplanbaren. Haben sie reiche Eltern, wohnen sie im Dachausbau in Augartennähe, sobald das erste Kind da ist. Sind sie dagegen auf eine geförderte Wohnung angewiesen, beginnen die Expeditionen nach Transdanubien, den Wienerberg oder den Monte Laa. Es gibt viele Leute, die dort nicht leben würden, wenn sie es nicht müssten.

Matthias Dusini in FALTER 12/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×