Die Gunst der Stunde, 1855

Patrik Ourednik


Im Urwald gestrandet

Patrik Ouředník erzählt augenzwinkernd vom unvermeidlichen Scheitern gesellschaftlicher Utopien.

Patrik Ouředník, 1957 in Prag geboren, lebt seit 1984 als Autor und Übersetzer in Paris. In "Die Gunst der Stunde, 1855" erzählt er die Geschichte eines zu Philosophie und Gesellschaftskritik neigenden Tierarztes aus Genua, der im 19. Jahrhundert auswandert, um im brasilianischen Dschungel eine "freie" Kolonie zu probieren. Dabei knüpft Ouředník in gewisser Weise an seinen großen Erfolg "europeana" an, seine "Kurze Geschichte Europas im 20. Jahrhundert". Verband er darin geschichtsträchtige Ereignisse mit weniger bekannten Facetten der Alltagshistorie zum aufklärerischen Porträt eines Zeitalters, geht er mit seinem jüngsten Roman noch ein Jahrhundert weiter zurück. Wieder verweist Ourˇedník auf historische Randnotizen, die weitgehend dem allgemeinen Vergessen anheimgefallen sind.
Tatsächlich gab es nämlich Mitte des 19. Jahrhunderts als Folge von Hungerkrisen und sozialen Umwälzungen wie der Februarrevolution im Frankreich des Jahres 1848, der im März ähnliche Aufstände in weiten Teilen Europas folgten, eine große Emigrationswelle nach Übersee. Ouředník mixt soziale und antikapitalistische Utopien wie die Ideen des 1848 veröffentlichten "Kommunistischen Manifests", den aufkeimenden Anarchismus, aber auch religiösen Synkretismus oder angedeutete Urahnen der Befreiungstheologie zu einem explosiven Fortschrittscocktail und zeigt dann – wie könnte es anders sein – am Mikrokosmos der Auswanderer, dass das Scheitern der erträumten Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen in dem Projekt immer schon angelegt war.
Bereits während der Überfahrt entwickelt sich der Traum von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit Richtung Albtraum. Bald wird offenkundig, dass Italiener etwa von der "freien Liebe" andere Vorstellungen haben als Deutsche, Franzosen oder Slowaken. Vor allem aber versucht Ourˇedník darzustellen, dass der Zwang des Menschen, sich organisieren und kontrollieren zu müssen, eine als ideal verheißene Gesellschaft bald in bürokratischen Fesseln verkommen lässt. Am Ende regieren im brasilianischen Dschungel Missgunst, Eifersucht, Alkoholismus und Spitzelwirtschaft.

Wiewohl Ouředník die Handlung im Jahr 1855 angesiedelt hat, versucht er erst gar nicht zu vertuschen, dass diese Geschichte mit dem Wissen um die Korrumpierung revolutionärer Gesellschaftsmodelle im 20. Jahrhundert geschrieben wurde. Das lässt sich schon an der Sprache erkennen: Ein Beispiel unter vielen: Es ist wohl kaum anzunehmen, dass auf einem Emigrantenschiff der 1850er-Jahre jemand aufgefordert wurde, er möge sich doch bitte "brausen gehen". Auch wenn Ouředníks philosophische Exkurse mitunter am Rande der Banalität balancieren, ist es vor allem wegen der augenzwinkernd ironischen Aufbereitung höchst vergnüglich mitzuverfolgen, wie das ehrliche, doch etwas naive Experiment nach und nach den brasilianischen Bach hinuntergeht. Gleichzeitig kann es wohl als Warnung vor moderneren Götzen wie Esoterik, Extremismus oder Drogen gelesen werden. Unweigerlich erinnert das Buch darin an ähnlich plakative und parabelhafte Abrechnungen mit der Kümmerlichkeit menschlicher Emanzipationsversuche. George Orwells "Animal Farm" oder William Goldings "Lord of the Flies" kommen einem da in den Sinn. So gesehen hat Patrick Ouředník berechtigte Chancen, einmal auf der Leseliste einer AHS-Oberstufenklasse zu landen.

Edgar Schütz in FALTER 12/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×