Die Schiffbrüchigen

Jean Amery, Irene Heidelberger-Leonhard


"Sie vertiertes Büffelgenick!"

In dem Roman "Die Schiffbrüchigen" wirft der später als Essayist berühmt gewordene Jean Améry (1912–1978) einen schonungslosen Blick auf das Wien des aufkommenden (Austro-)Faschismus.

Die Schiffbrüchigen" gehören zu jenen Büchern, die man als ästhetisch fragwürdig charakterisieren muss, um sie gleichzeitig unbedingt zur Lektüre zu empfehlen. Denn dieses Buch des 23-jährigen Hans Mayer, 1912 in Wien geboren und bis zu seinem Freitod 1978 unter seinem französischen Namen Jean Améry einer der bedeutendsten Essayisten der Nachkriegszeit, ist ein außergewöhnliches literarisches Dokument.
Der Roman beginnt im Frühjahr 1933 mit Hitlers Machtergreifung, schildert die Februarkämpfe 1934 in Wien aus unmittelbarer Anschauung und wurde 1934/35 geschrieben. Die autobiografische Färbung ist wegen der engen Bindung an die Gegenwart des Schreibenden im Wien der 1930er-Jahre unverkennbar. Eugen Althager, wie Amérys Protagonist heißt, erlebt den immer manifester werdenden Antisemitismus, den zunehmend gewalttätigen Charakter der Zeit hautnah. Verblüffend ist es andererseits, wie in diesem erstmals aus dem Nachlass veröffentlichten Roman bereits die Themen des abgeklärten Essayisten durchscheinen, dessen Denken am Existenzialismus Jean-Paul Sartres geschult ist.
Entfremdung, die zentrale, weniger begrifflich-philosophisch als aus eigener Erfahrung reflektierte Kategorie des späteren Essayisten ist auch der Fluchtpunkt des frühen Romans. Eugen Althager ist ein "Mensch ohne Welt" (Günther Anders) in gleich mehrfachem Sinne: Seit vier Jahren arbeitslos, ist er nach dem Verlust seiner Freundin Agathe abgeschnitten von tiefergehenden sozialen Kontakten und lebt ökonomisch am Rande des Abgrunds, aber vor allem ist er ohne geistige, ohne politische Perspektive. Sein intellektueller Zynismus ist ein brüchiger Schutzschild gegen die Eugen direkt treffenden Schläge des alltäglichen Lebens.
An einer Stelle wird Hermann Brochs große, 1931/32 erschienene Romantrilogie "Die Schlafwandler" erwähnt. In ihr entwickelte Broch in essayistischer Form seine Vorstellungen vom "Zerfall der Werte", womit das Auseinanderdriften der einzelnen Wertgebiete wie Ökonomie, Religion und Kultur gemeint war. Alles ist nur mehr Bruchstück, und so schreibt Eugen an "Fragmenten zur Zeitkritik"; das Bild der "Schiffbrüchigen" gibt die Richtung vor.
"Eugen ist Österreich-Ideologie und Personifikation ihres Niedergangs", heißt es im Nachwort. Damit ist gemeint, dass die für das österreichische bzw. wienerische Bürgertum typische Lebensweise mit ihren Fluchtpunkten auf dem Land und der vermeintlichen Nähe zu den einfachen Leuten, der auch literarisch vielbeschworene, die Klassen transzendierende geistige Raum des Österreichischen spätestens im Februar 1934 an sein Ende gekommen ist: "Was kam, war Krieg, das wußte Eugen." Scharfsichtig auch seine Analyse des Nationalsozialismus als "letzte Konzentration der metaphysischen Ideologien".
Was den Roman über die allgemeine Situierung als Dokument seiner Zeit hinaus so interessant macht, ist sein Charakter als negativer Entwicklungsroman, dessen Protagonist auf allen Feldern scheitert: als Liebender, da die rücksichtslos geliebte Agathe ihn zugunsten eines weniger intellektuellen, dafür aber taktvollen Autobesitzers verlässt; als Intellektueller, dessen Zynismus ihn nicht nur Agathe entfremdet, sondern auch seinen besten Freund verstört und – auf dem Feld der Ehre. Als Jude eigentlich nicht satisfaktionswürdig, beharrt der im Umgang mit dem Säbel völlig Unerfahrene auf seinem "Ariertum" und stellt sich einem Duell. Als ihn in der Straßenbahn ein Student, ohne sich zu entschuldigen, anrempelt, brüllt ihm Eugen ein "Sie uckermärkischer Stierschädel ... Sie vertiertes Büffelgenick!" ins feiste Gesicht. Der Student, "vielleicht ist er aus Kärnten", fordert Eugen zum Duell. Es endet für Eugen tödlich.

Mit dem Wissen um Amérys Freitod liest sich dieses Ende, konzipiert noch vor der Erfahrung von Folter und Konzentrationslager, wie eine Vision. Der jüdische Intellektuelle ohne sozialen und geistigen Ort, ohne Einfluss auf die Entwicklung der Welt um sich, gewinnt im Tod Freiheit und Würde. Er muss dieses Duell gegen jede Vernunft annehmen, um die bedrückende Frage, ob er sich seines Judeseins schäme, mit einem Akt des Hochmuts zu beantworten.
Eugen ist rücksichtslos gegen seine Umwelt, er ist vor allem aber rücksichtslos gegen sich selbst. Das ist seine einzige Waffe angesichts der Rücksichtslosigkeit der austrofaschistischen Realität. Sein kalter analytischer Blick macht auch vor anderen Juden wie dem heruntergekommenen Zuhälter Hernhäuser nicht Halt: "Hernhäuser, da er ein Jude war, zeigte sich ihr hart, mürrisch, geldgierig, und da er ein Jude war, schlug er sie fast nie." – Gemeint ist die Prostituierte Mimi, die von Hernhäuser zu Eugen überläuft, was diesem noch mehr das Gefühl der vollkommenen bürgerlichen Selbstaufgabe gibt. Das sind Sätze, wie sie Albert Drach, ein anderer großer, in Wien geborener jüdischer Schriftsteller hätte formulieren können. Die reflektierende Distanz zur eigenen Person macht Amérys spätere Leistung aus, beginnend mit den berühmten Essays in "Jenseits von Schuld und Sühne" (1966).
Problematisch sind "Die Schiffbrüchigen" als Ausdruck einer subjektiven existenziellen Krise; Robert Musil bescheinigte dem Roman bei prinzipieller Sympathie "noch gewisse Unreifen". Der spätexpressionistische Gestus einer "deutungsmüden Seele" wäre manchmal schwer zu ertragen, wenn nicht die Beschreibung der Entfremdung eines wachen jugendlichen Bewusstseins im Wien der 1930er-Jahre, wenn nicht die atmosphärischen Details dies wieder völlig wettmachten.

Bernhard Fetz in FALTER 12/2007



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