Weniger sind mehr. Warum der Geburtenrückgang ein Glücksfall für unsere...


Petra Bruns, Werner Bruns und Rainer Böhme schließlich suchen nach einer Erklärung für den Geburtenrückgang und geben eine polemische Antwort: Die Achtundsechziger sind schuld. Die Generation, die nun bald in Rente gehe, habe ob ihres Marsches durch die Institutionen, ihres Interesses an Karriere und großen Autos "völlig vergessen", Nachwuchs zu zeugen. Damit hätte sie "den unausgesprochenen Pakt der Generationen klammheimlich gekündigt und damit große demografische Probleme herbeigeführt".
Während der flotten Reise durch Studenten- und Hippiebewegung, Gründung der Grünen, Entstehen der Toskanafraktion, "das grün-rote Projekt" und dessen genüsslich zelebrierten Endes, wird schnell deutlich, dass die Autoren auch mit den Achtundsechzigern abrechnen.
Im letzten Teil des Buches wird dem Leser dann die Altersrevolution der Achtundsechziger vor Augen geführt: von neuen Wohnformen für Alte über den Kampf gegen die "Altersdiskriminierung" bis zur Enttabuisierung von Sex im Altersheim: die Achtundsechziger werden einflussreich bleiben, bis zum Schluss. Sogar "ihr letzter Auftritt" wird anders sein, denn: sie werden "den Selbstmord im Alter enttabuisieren".Auf der Spur des Süsswasserpolypen

Vergreist unsere Gesellschaft? Stirbt sie gar aus? Drei Neuerscheinungen warten mit
unterschiedlichen Schlüssen und Vorschlägen auf.

Die Bevölkerungspyramide steht Kopf: die Alten werden immer mehr (und älter), die Jungen immer weniger. Rente und Pflege, das "dritte Alter" und "Alzheimerepidemien" sind mediale Dauerbrenner und werden es, dazu bedarf es keiner prophetischen Gabe, auch bleiben. Grund genug also auch für die Wissenschaft, sich um "Die Zukunft des Alterns" Gedanken zu machen.
Dieser Sammelband, herausgegeben von Peter Gruss, dem Präsidenten der deutschen Max-Planck-Gesellschaft (MPG), ist im besten Sinne interdisziplinär. Die Beiträge, vorwiegend von Wissenschaftlern der MPG, reichen von der demografischen über die biologische bis zur politischen Dimension des Alters. Dabei zeigt sich schnell: Alter ist nicht gleich Alter.
Der Rechtshistoriker Michael Stolleis etwa betont dessen geschichtliche und soziale Relativität. Die Einführung der Altersversicherung in Deutschland 1889 habe Alter durch das Ausscheiden aus dem Arbeitsleben festgelegt. Die Definition von Alter als eigenem Lebensabschnitt kommt also von außen.
Einen evolutionsbiologischen Blick auf das Alter wirft Annette Baudisch, wenn sie verschiedenste Organismen vom Menschen über den Fadenwurm C. elegans bis zur Bierhefe vergleicht. Nicht alle Lebensformen altern gleich: Manche, wie der Mensch, würden mit dem Alter gebrechlich, die Fertilität nehme ab und die Mortalität zu. Andere, wie der Süßwasserpolyp Hydra, regenerierten sich durch Zellaustausch ständig. Eine Typologisierung der Alterungsprozesse könnte erklären, warum der Mensch gerade so altere. Dies wiederum wäre ein Ansatz zu fragen, inwiefern wir den Alterungsprozess beeinflussen können.
Vielleicht wäre dies ja die Lösung für die Probleme, die James Vaupel und Kirstín von Kistowski in ihrem Beitrag nennen: die Vergreisung der Gesellschaft aufgrund längerer Lebenserwartung und sinkender Geburtenzahlen. Ein Ignorieren der Prognosen, warnen die beiden Demografen, käme die Gesellschaft teuer zu stehen: Die Folgen für Sozialsystem und Wirtschaft wären verheerend.

Genau gegen diese Vorstellung von "Deutschland als Gruselkabinett" – vergreisend, kinderlos, schrumpfend – schreibt Karl Otto Hondrich an: "Warum weniger mehr sind" ist gleichzeitig ein Vermächtnis – im Jänner ist der Frankfurter Soziologe im Alter von 69 Jahren gestorben.
Nach Hondrich ist weder die deutsche Wirtschaft noch das Sozialsystem noch der Fortbestand der Familie in Gefahr. So sei etwa Wirtschaftswachstum nicht an Bevölkerungswachstum gebunden, und allein der Bedarf im Medizin- und Pflegebereich werde den Konsum nicht sinken lassen. Die fehlenden Arbeitskräfte? Von Steigerung der Frauenerwerbstätigkeit, verstärkter Produktivität bis zu Immigration: die Wirtschaft habe noch immer gewusst, sich Arbeitskräfte zu beschaffen. Und die Kinderlosigkeit? Es werde weniger, aber "bessere" Kinder geben. Denn die Eltern, die trotz aller Hindernisse, wie schwierigere Karrieregestaltung, Nachwuchs bekommen, versorgen ihn besser. So demontiert Hondrich nach und nach alle gängigen Bedrohungsszenarien.
Woher er seine Gewissheit nimmt? Er glaubt an Selbstregulierung: Die Gesellschaft und die Evolution seien klüger als jeder Einzelne, auch als ein einzelnes System wie die Politik. Diese könne die Geburtenrate am wenigsten regulieren.

Sabina Auckenthaler in FALTER 12/2007



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