American Vertigo

Bernhard-Henri Lévy


Ein Pariser in Amerika

Neun Monate auf 374 Seiten. Bernard-Henri Lévys Autopsie der USA ist mal substanziell und mal banal. Die Seele Amerikas bekommt er aber nicht zu fassen.

Warum schreibt ein französischer Intellektueller ein Buch über Amerika für Amerikaner? Anlass war eine Einladung des Atlantic Monthly, der Bernard-Henri Lévy, linker Philosoph, Publizist und Aktivist, im Wahljahr 2004 beauftragte, durchs Land zu reisen und über dessen Zustand zu berichten.
Unter dem Motto "Auf den Spuren Alexis de Tocquevilles", jenes hellsichtigen Franzosen, der das Land knapp 170 Jahre vorher bereiste und den Klassiker "Über die Demokratie in Amerika" schrieb, trat Lévy seine neunmonatige Rundfahrt durch 48 Staaten an: Mit Chauffeur und Assistentin, manchmal Filmteam und einer Akkreditierung im Gepäck, die ihm alle Türen öffnete.
Er besucht die größte Shopping-Mall der USA, in der man bis zu Hochzeiten und Beerdigungen alles kaufen kann, ein Puff mit patriotischen Prostituierten bei Las Vegas und das Microsoft-Hauptquartier. Ebenso Mount Rushmore, die Iowa State Fair ("ein Festival amerikanischen Kitsches"), Kirchen, die aussehen wie Banken und umgekehrt, Wahlkampfveranstaltungen, Graceland, Mormonen und Amische natürlich. Und Gefängnisse, in denen die USA, "Weltmeister des Wegsperrens", versuchen, die Ärmsten der Armen unsichtbar zu machen.
Seine Gesprächspartner reichen von Sharon Stone, Aktivistin gegen Bushs Irak-Politik, über Woody Allen bis zum Präsidentschaftskandidaten John Kerry. 300 Seiten lang liefert Lévy einen Wust aus Ortsbeschreibungen, Begegnungen, Reflexionen, mal tiefgehend, mal oberflächlich, mal sachlich, mal manisch, mal substanziell und mal banal. So sehr man es mitunter schätzt, wenn Autoren auf ihre individuelle Anschauung vertrauen, so sehr ermüdet es, wenn Lévys überbordendes Ego stets im Mittelpunkt seiner Beobachtungen steht. Dieses erlaubt ihm auch wage Vermutungen anzustellen, flüchtige Eindrücke gleich fürs große Ganze stehen zu lassen und seine Pointen bis zu unserer Ermüdung selbstverliebt zu variieren.
Inmitten von alldem findet sich auch Aufschlussreiches, etwa Bemerkungen zur amerikanischen Vorliebe für Gründungsmythen, die Lévy als Strategie des traditionellen Einwanderungslands deutet, das Fehlen kulturhistorischer Nullpunkte zu kompensieren. Interessant auch seine Gedanken zur amerikanischen Lust an der Simulation, an der gelungenen Nachahmung um ihrer selbst Willen (im Gegensatz zur europäischen Vorliebe fürs auratische Original). Es geht auch um das Amerika des erbarmungslosen "keep moving" und immer wieder um den eigentümlichen Patriotismus, den auch jene aufzubringen scheinen, die vom großen Kuchen nichts abbekommen.
Wer erwartet, Lévy würde aufarbeiten, neu ordnen oder einordnen, wird enttäuscht. Im letzten theoretischen Viertel des Bands reproduziert er mit unnötig aufgeregter Wortgewalt den etablierten liberalen Konsens knapp links von der Mitte: Er geißelt die Neo-Cons, ebenso die sprichwörtliche "Fettleibigkeit" der Vereinigten Staaten, ihre Gigantomanie und Gier, konstatiert die soziale, politische und ökonomische Desintegration. Zuletzt glaubt Lévy aber nicht, so schreibt er in den etwas verlegenen Schlussfolgerungen, dass "man deswegen verzweifeln muss", all das überzeuge ihn noch nicht "vom angekündigten Bankrott des Modells".
"American Vertigo" ist, wie der Titel halb unabsichtlich vorwegnimmt, ein schwindliges Buch. Ohne Frage ist es nicht eben leicht, dieses Land zu erklären. Sollte es einmal jemandem gelingen, die "Seele Amerikas" sprechen zu lassen, wird es wahrscheinlich nicht Bernard-Henri Lévy sein.

Tina Thiel in FALTER 12/2007



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