Heimweg


"Zufällig ist der andere tot"

In seinem ersten Roman nimmt sich der Kolumnist Harald Martenstein der Zeit zwischen Krieg und Wirtschaftswunder an. Die Enkelgeneration darf sich offenbar mehr Verständnis leisten als Walser & Co meist zugebilligt wird.

Der Titel signalisiert eine Differenz. Der "Heimweg" ersetzt die "Heimkehr" und damit den Begriff, der dem Genre der Heimkehrerromane der Nachkriegszeit einst die Bezeichnung gab. "Heimweg" klingt gleich viel friedlicher, nach Feierabend oder Sommerspaziergang, und blendet genau das aus, worum es eigentlich geht: den Krieg und seine Folgen. Dabei beginnt der Roman nahezu klassisch. "Die Heimkehr meines Großvaters aus dem Krieg stand unter keinem guten Stern", lautet der erste Satz. Die folgende Szene ist an Drastik kaum zu überbieten. Zu Hause öffnet ein schnurrbärtiger Franzose dem Heimkehrer die Tür und fuchtelt mit einer Pistole herum. Die Frau, anstatt den Heimkehrer sehnsuchtsvoll zu erwarten, liegt nackt auf dem Boden und stößt gurgelnde Geräusche aus, während in regelmäßigen Abständen eine kleine Blutfontäne aus ihrem Hals spritzt. Der erste Satz, den der Großvater nach sechs Jahren Abwesenheit spricht, geht so: "Hast du das Verbandszeug woanders hingepackt, das war doch im roten Schränkchen?"
Das Niedere und das Hohe, das Tragische und das Banale liegen bei Harald Martenstein immer ganz dicht beieinander. Als Kolumnist der Wochenzeitung Die Zeit und des Berliner Tagesspiegel zeigt er Woche für Woche, wie es geht, dramatische Weltereignisse, familiäre Schwierigkeiten oder auch bloß lästige Zahnschmerzen auf den Nenner lässiger Duldung und überraschender Erkenntnisse zu bringen. In seinem ersten Roman arbeitet er grundsätzlicher am Material der deutschen Geschichte und dessen Wirkung auf den Alltag.
Die eigenen Großeltern bieten ihm den Stoff. Der Erzähler tritt aber nicht einfach nur als Enkel auf, der Familienforschung betreibt, wie das derzeit in so vielen Romanen – von Stefan Wackwitz bis zu Tanja Dückers – gehandhabt wird. Martensteins Erzähler hat eine erstaunliche Besonderheit: Er ist der Enkel eines kinderlosen Paares. Äußerlich, so sagt er, würde man ihn auf neun oder zehn Jahre schätzen, obwohl er schon viel länger auf der Welt ist. Als Gespenst möchte er gleichwohl nicht betrachtet werden, eher als so etwas wie eine Idee, vielleicht als Geist der Geschichte. Der allwissende Erzähler ist zur personifizierbaren Instanz geworden. Dass er Kind geblieben ist, bestimmt die Perspektive. Darin ist er ein später Widergänger des Oskar Matzerath aus Günter Grass' "Blechtrommel". Die Kindhaftigkeit ist ein Zeichen der Unschuld oder zumindest eines versöhnlichen Blicks zurück. Der Heimweg führt von der deutschen Geschichte in die Familiengeschichte.
Biografisch ist die rätselhafte Konstellation noch nicht einmal falsch: Martensteins Großmutter brachte eine Tochter in die Ehe mit dem Großvater mit, gemeinsame Kinder gibt es aus dieser Verbindung aber nicht. Sie arbeitete, und davon erzählt der Roman in bunten Anekdoten, als Bardame in der Mainzer Rheingoldschänke, immer hart an der Grenze des Schicklichen oder auch schon jenseits davon. Für den Großvater jedenfalls keine leichte Aufgabe, ihren Lebensstil mit seinem Bedürfnis nach einer bürgerlich soliden Existenzform und einem Beruf zu vereinbaren, bei dem man einen Anzug tragen kann.
Davon, wie eine Beziehung funktionierte, nachdem die Frauen gelernt hatten, alleine zu leben und die Männer die Erfahrung des Tötens gemacht hatten, handelt dieser leicht dahingeplauderte, aber raffiniert gebaute Roman. Er erzählt davon, wie Verdrängung als Zukunftszugewandtheit das Wirtschaftswunder in Gang setzte. Der Großvater sieht sich als Sieger, denn er hat gelernt, dass es im Krieg allein darauf ankommt, zu überleben. Doch in den Jahren danach zählt seine große Leistung des Überlebthabens nicht mehr viel. Und die große Geschichte schrumpft auf drei Phasen zusammen: Es gab die kurze Zeit der Liebe und der Jugend vor dem Krieg, dann gab es den Krieg, und schließlich die endlos lange Zeit danach, "diese Zeit, die den weitaus größten Teil ihres Lebens ausmachte".
Martenstein kann ergreifend schlicht und pointiert erzählen. Das kennt man aus seinen Kolumnen. Als Romancier begeistert er sich vielleicht etwas zu sehr für das Anekdotenhafte und räsoniert auf gelegentlich nervtötende Weise über das Erzählen. Da spürt man, wie der Kolumnist mit der ungewohnten Romanform gerungen hat und auf der Suche nach einer passenden Sprache gewesen ist. Die Allwissenheit seines Erzählers verführt ihn dazu, Familienlegenden blumig auszuschmücken, anstatt sie gelegentlich auch einmal infrage zu stellen.
Er erzählt die Mythologie des Alltags ungebrochen als Alltag voller bunter Geschichten, Skurrilitäten und irrer Fantasien. Der Urgroßvater der Familie ermordete im Wahn seinen Sohn, kam in die Psychiatrie und endete im Euthanasieprogramm der Nazis. Auch die Großmutter driftet schließlich in eine allerdings friedlichere Variante des Irrsinns ab, unterhält sich bei Tisch mit Schlagersänger Freddy und mit Hans-Joachim Kulenkampff. Die Mythologie der Bundesrepublik lässt sich im Fernseh- und Wohnzimmerformat erzählen. Die Familiengeschichte führt aber noch weiter zurück, bis zur Legende vom bayrischen Räuber Heigl, dessen Gerechtigkeitssinn und Freiheitsliebe wohl irgendwie in den charakterlichen Familienbestand integriert werden soll.
Vor allem aber geht es Martenstein um die zentrale Erfahrung des Tötens im Krieg und um die Frage der Schuld des Großvaters. Mit langem Anlauf und vielen Umwegen nähert er sich der zentralen Episode, wo der Großvater ohne Not einen jungen Russen erschießt. Martensteins Antwort auf die Schuldfrage ist allzu einfach, wenn er immer wieder die Rolle schicksalhafter Bestimmung betont. Dabei belegt der Mord an dem Russen, dass es durchaus einen Spielraum für eigene Handlungsentscheidungen gab. "Wenn er an den Zufall dachte", heißt es in dieser Passage über den Großvater, "kam ihm die Idee der Gerechtigkeit lächerlich vor. Westfront oder Ostfront, Deutscher oder Russe, in diesem oder jenem Jahr geboren, alles Zufall. Schuld ist Zufall, Gerechtigkeit auch. Zufällig musste ich damals ein Erschießungskommando leiten. Zufällig lebe ich, zufällig ist der andere tot."

Solche Sätze würde man Martin Walser oder Günter Grass gehörig um die Ohren schlagen – auch wenn es sich dabei um die Ansicht einer Romanfigur handelt. Einem Jüngeren sind sie – sozusagen aus enkelhafter Distanz – offenbar eher erlaubt. Der Erzähler will nicht verurteilen, sondern verstehend nachvollziehen. Meilenweit ist er von der Unversöhnlichkeit der 68er-Generation entfernt. Das ist sympathisch, weil alles Rechthaberische und Besserwisserische verschwunden ist. Eine Gefahr besteht gleichwohl darin, dass die NS-Zeit sich unterdessen zur schaurig-schönen Anekdote verdünnt, zu einer Legende wie der vom Räuber Heigl.

Jörg Magenau in FALTER 12/2007



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