Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition

Gerd Gigerenzer


Glückliche Zapper

Gerd Gigerenzer erklärt, warum Entscheidungen, die der Bauch trifft, oft besser sind als jene, die Logik und Vernunft nahelegen.

Welche Stadt hat mehr Einwohner, Detroit oder Milwaukee? Wenn Sie glauben, dass sich ein US-Bürger mit der Antwort leichter tut, irren Sie. Gerd Gigerenzer hat die Frage sowohl amerikanischen als auch deutschen Studenten gestellt. Erstere lagen erheblich öfter daneben. Sie wissen nämlich von beiden Städten einiges, während die meisten deutschen Studenten von Milwaukee wenig oder noch nie gehört hatten und allein, weil ihnen der Name vertrauter vorkam, auf Detroit tippten. So kann Unwissenheit Vorteile haben.
Aus einer anderen Studie wissen wir, dass Menschen, die beim Zappen vorm Fernseher rasch hängen bleiben und beim Einkauf beherzt zugreifen, mit sich und ihrem Leben zufriedener sind als jene, die systematisch nach dem besten Programm oder dem besten Produkt fahnden. Nun werden Sie einwenden, dass es eben Leute gibt, die geringe Ansprüche stellen.
Doch Zufriedenheit ergibt sich nicht nur aus dem Anspruch, sondern auch aus dem Vorgehen, wie ein anderes Experiment nahelegt: Dessen Teilnehmerinnen durften sich eines von fünf Geschenken aussuchen, wobei die Hälfte aufgefordert war, ihre Wahl zu begründen. Vier Wochen später wurde nachgefragt. Unter denen, die Gründe nennen mussten, waren erheblich mehr, die meinten, sich für das falsche Geschenk entschieden zu haben.
Beim bewussten Entscheiden zwischen Handlungsmöglichkeiten tun wir uns leichter, wenn wir weniger naheliegende Optionen gar nicht erst wahrnehmen. Probierstände im Supermarkt machen die Erfahrung: je mehr verschiedene Aufstriche oder Marmeladen angeboten werden, desto mehr Leute probieren etwas. Tatsächlich gekauft wird aber am meisten, wenn die Auswahl überschaubar bleibt und sechs Sorten nicht übersteigt.
Unsere Entscheidungen sind in weit größerem Maße, als wir es uns bewusst machen, durch unsere Kultur und Institutionen vorbestimmt. Ob wir im Falle eines tödlichen Unfalls zur Organspende bereit sind, hängt bei den wenigsten von der Einstellung ab, sondern in erster Linie davon, ob wir bei Lebzeiten zustimmen (wie in Deutschland, wo nur jeder Achte potenzieller Organspender ist) oder widersprechen müssen (wie in Österreich, wo es fast jeder ist).
Von klein auf wird uns beigebracht, nicht das zu tun, was uns als Erstes einfällt, sondern was am vernünftigsten ist. Gründlich nachzudenken gilt als Tugend. Und nun kommen Psychologen wie Gigerenzer daher und zeigen, dass wir mit den Mitteln der Logik in vielen Fällen schlechter abschneiden, als wenn wir unserem Bauchgefühl folgen. Dieses entspringt nämlich häufig einem guten Grund. Wir folgen instinktiv Faustregeln, ohne diese bewusst gelernt zu haben. Und es gäbe viele Faustregeln mehr zu entwickeln und zu lernen, würden sie von unserem Erziehungs- und Bildungswesen nicht für minderwertig gehalten.
Immerhin ist Intuition heute positiv besetzt und gilt als wichtige Grundlage für "emotionale Intelligenz". Der seit Aristoteles beschworene Gegensatz zwischen vermeintlich männlicher Intelligenz und der angeblich weiblichen Domäne Intuition hat sich abgeschliffen. Die Bauchgefühle von Frauen und Männern unterscheiden sich laut den im Buch angeführten Experimenten weniger, als gemeinhin geglaubt wird. "Bauchentscheidungen" ist nicht so fesselnd erzählt wie Malcolm Gladwells "Blink". Dafür zeichnet Gigerenzer ein substanzielleres und vollständigeres Bild als der vor eineinhalb Jahren erschienene Bestseller.

in FALTER 12/2007



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