Und nichts an mir ist freundlich

Ariane Breidenstein


Ewiges Erwachsenwerden

Business as usual: Die Protagonistinnen von Harriet Köhler, Silke Scheuermann und Ariane Breidenstein plagen sich mit der eigenen Familie und dem eigenen Ich.

Womit beschäftigen sich junge Schriftstellerinnen in dieser Saison? Damit, womit sie sich schon in den vergangenen Jahren beschäftigt haben: mit der Familie und mit sich selbst. In den Büchern von Harriet Köhler, Silke Scheuermann und Ariane Breidenstein, alle zwischen Ende zwanzig und Anfang dreißig, ist die Familie das Laboratorium, in dem sich Naturgesetze des Lebens erforschen lassen. Es geht um alternde Eltern, um Geschwisterbeziehungen oder um die Verweigerung, erwachsen zu werden.
Harriet Köhlers Roman hat formal etwas von einer Versuchsanordnung: "Ostersonntag" besteht aus vielen kleinen inneren Monologen, in denen jeweils ein Familienmitglied zu Wort kommt. Über den einzelnen Abschnitten stehen die Namen der Erzähler: Heiner, Ulla, Linda, Ferdinand; Vater, Mutter, Kinder. Wir finden uns in einer gutbürgerlichen, wenn auch etwas zerrütteten Familie, wieder. Die Kinder sind aus dem Haus, die Eltern gehen einander auf die Nerven. Der Vater, ein emeritierter Professor, verdämmert mit trüben Gedanken vor dem Fernseher, die Mutter versüßt sich ihr Dasein als desperate housewife mit Männerbekanntschaften.
Alle Passagen sind in der Du-Form geschrieben, in dieser Familie hat man sich so wenig zu sagen, dass man die meiste Zeit mit sich selbst spricht. Das ist eigentlich auch ganz nett zu lesen, hat es doch etwas zutiefst Tröstliches, wenn man erfährt, dass die Familien anderer Leute genauso mühsam sind wie die eigene. Doch gute Familiengeschichten leben davon, dass sie über sich hinausweisen, dass sie im Kleinen das Große abbilden, die Mechanismen von Macht, Gewalt oder Verdrängung, den Zustand einer Gesellschaft. Das gilt für die Buddenbrooks genauso wie für die Simpsons.
Davon, dies zu leisten, ist Harriet Köhlers Roman allerdings weit entfernt. Er wirkt, als sei er aus den besten Familiengeschichten zusammengestoppelt, die es in Buchform oder als Film bereits gibt: Der Vater ist ein tyrannischer Eigenbrötler wie bei Jonathan Franzen, der Filius unter seiner Fuchtel zum melancholischen Versager geworden wie seit Thomas Mann so viele Söhne. Ein wenig "Sex and the City"-Stimmung wird aus irgendeinem Grund auch verbreitet – die Tochter arbeitet als Lifestylekolumnistin – und schließlich gibt es noch ein düsteres Geheimnis wie in einer "Tatort"-Folge: Die verstorbene Tochter Friede, über die so hartnäckig geschwiegen wird, ist gar nicht bei einem Unfall ums Leben gekommen.
Der Showdown findet dann bei einer Familienfeier statt. Immerhin ist Köhler so souverän, ironisch darauf anzuspielen, woher sie ihre Motive bezieht: "Was, zum Himmel, willst du Gilles erzählen, wenn er dich fragt, wie es bei deinen Eltern war? Die Wahrheit? Dass es fast schon ein richtig nettes Familienessen war, als auf einmal dein Bruder, dieser Idiot, der sich immer schon viel aus Dogma-Filmen gemacht hat, aufstand und zu sprechen begann, ganz wie in ,Das Fest', und auf einmal seine eigene Familie des Mordes bezichtigte?"

Komplexer ist da schon der Roman von Silke Scheuermann. Im Unterschied zu Köhler gibt es in "Die Stunde zwischen Hund und Wolf" nicht nur Zwischentöne, sondern gelingt es der Autorin gleich zu Beginn, eine atmosphärisch dichte Szenerie zu schaffen: Vögel knallen gegen eine Glasscheibe und hinterlassen kleine Blutlachen – der ideale Auftakt für ein Buch, in dem alle gegen Wände zu rennen scheinen.
Es geht um zwei Schwestern: Die Ich-Erzählerin war Korrespondentin in Rom und lebt nach einigen privaten und beruflichen Fehlschlägen wieder in Deutschland; die andere, Ines, ist Malerin und hat mit schweren Alkoholproblemen zu kämpfen. Nach langen Jahren haben sie einander wiedergefunden, doch kaum sind die ersten Begrüßungsworte verklungen, fallen beide wieder in ihre alten Muster zurück. Ines treibt ihre Schwester durch eine Mischung aus Depressionen und Demütigungen in die Verzweiflung, die Erzählerin muss für ihre Schwester wie immer Mutter und Therapeutin sein.
Doch ganz so klar liegen die Dinge nicht. Mit großem Gespür für zwischenmenschliche Spielchen lotet Scheuermann die Feinheiten dieser Beziehung aus. Als Ines etwa auf Alkoholentzug ins Krankenhaus muss, schmuggelt ihre Schwester ihr Schnapsflaschen ans Bett – auch die Ich-Erzählerin weiß, Macht auszuüben und Abhängigkeitsverhältnisse zu perpetuieren. Irgendwann spannt sie ihrer Schwester auch noch den Geliebten aus – spätestens zu diesem Zeitpunkt weiß man nicht mehr, wer hier eigentlich wen dominiert.
Auffallend oft spielen bei Scheuermann Kunst und Medien eine Rolle. Scheuermanns Welt ist kein hermetischer Kosmos, wie man ihn so oft in den Büchern junger Autoren vorfindet. Einem Bekannten der Erzählerin sind Sätze aus Eva Illouz' soziologischer Studie "Der Konsum der Romantik" in den Mund gelegt, eine Freundin der Schwestern arbeitet an einer Dissertation über Horrorfilme. Die Ich-Erzählerin wiederum biegt sich das Leben in ihren Sozialreportagen zurecht, "die Kinder darin waren keine Kinder, der Schmutz war kein Schmutz, die Spinnweben keine Spinnweben, und die Familie, wenn wir sie auf ihr verschlissenes Sofa setzten, wirkte in unserer kultivierten Ästhetik der Hässlichkeit gerade so, als hätten wir, die Journalisten, sie eben mal ein bisschen geknufft." Jede Wirklichkeit ist etwas Gemachtes – keine neue Erkenntnis, aber gut erzählt, und Silke Scheuermann findet eine lakonische, leicht ironisch angehauchte Sprache dafür.

Der sprachlich interessanteste Text stammt allerdings von Ariane Breidenstein. "Und nichts an mir ist freundlich" ist in der Ich-Form geschrieben, es erzählt, besser: monologisiert eine studierte Englischlehrerin. Es geht um nichts, und es geht um alles, um Familie, um Erwachsenwerden, um die Sprache, in die man sich davor flüchtet. "Wir haben ja nicht die Möglichkeit, rufe ich, auszusteigen aus dem Sein, abzuschalten, weil selbst das Nichts, na, nun, nichtet. Und dann immer nur dazustehen, mit blinden Händen, ohne dass es noch irgendetwas gäbe auf der Welt, nur das Sein ist da, nachts, in dieser Halbwachheit, Halbschlaf, diesem Dämmer. Mein Leben habe ich (größtenteils) in diesem Dämmer zugebracht, der nicht der Dämmer der Wälder ist. Diese Sprachverselbstständigung. Wissen Sie, was das ist, immer in den Trümmern der Sprache zu leben."
Am besten liest man den Roman als Protokoll einer narzisstischen Persönlichkeit. Alles hat mit einem selbst zu tun und wird aufs eigene Ich bezogen, die Welt, die Kunst – jeder Satz ist Selbstreflexion. Immer manischer wird die Sprache, auch immer stärker fremdbestimmt, passagenweise hat man das Gefühl, die Erzählerin habe sich in der Lektüre von Ingeborg Bachmann oder Thomas Bernhard verloren. "Ich bin immer ein Kind geblieben. Es tut gar nicht gut, das auszusprechen. Es musste aber gesagt werden, weil ich es jetzt, im dreißigsten Jahr, oder viel später endlich begreife, den Hass und die Gewalt und das Fremdsein, schon damals, auf der Schaukel, ich habe ja versucht zu entkommen"So geht es dahin ohne Punkt und Komma, vom Hundertsten ins Tausendste. Doch je mehr sich die Erzählerin um sich selbst dreht, desto komplizierter und vertrackter werden die einzelnen Windungen. Am Ende verliert sich das Ich in seiner Selbstbespiegelung, löst sich in der eigenen Sprache auf. "Die Hand zuckt und manche Buchstaben sahen aus wie luftlose Ballons, sie wurde unleserlich, die Hand und der Brief hat nicht mehr gehorcht, weil überall die schwarzen Bäuche und Beine von Käfern. Wo sind die Verben, die Verbweiden?" Ein konsequentes Konzept, leider ist es mit dem Narzissmus anderer Leute immer so eine Sache: Man interessiert sich nicht wirklich dafür.

Verena Mayer in FALTER 12/2007



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