Zirkuszone

Jáchym Topol


Einmarsch in Bayern

Jáchym Topol erzählt in "Zirkuszone" von einem grausamen Internat, in dem die Zöglinge zu Kindersoldaten herangezogen werden.

Wie schon in seinem zuletzt erschienenen Buch "Nachtarbeit" beschäftigt sich Jáchym Topol im aktuellen Werk mit dem Jahr 1968, insbesondere dem Einmarsch der Sowjetarmee. Beide Bücher haben jugendliche Helden und sind in ländlichen, man möchte fast sagen "böhmischen" Landen angesiedelt. Topol erzählt diesmal allerdings chronologisch, er folgt seinem Hauptprotagonisten (Ilja) auf Schritt und Tritt, lässt dabei aber seiner Imagination freien Lauf: Die Eigentümlichkeit des tschechischen Fabulierens wird vollends ausgeschöpft. Schon bald kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier die Abenteuer von Huckleberry Finn, der "Krieg der Knöpfe" (nach dem Buch von Louis Pergaud) und "Oliver Twist" Pate standen, eine seltsame, dennoch reizvolle Fortsetzung gefunden haben.
Auf den Punkt gebracht: Die "Zirkuszone" ist eine Geschichte von Bastarden, die keiner haben will, die beliebig manipuliert werden können und deren einzige Sorge das Überleben ist. Um dieses sicherzustellen, gehen sie jedes Arrangement ein, sie die "Bankerten, Syphilitiker, "Zigo", Bakelits, Teergurgler, Abschaum!"
Bevormundung prägt ihr Leben – zunächst ist es das "Zuckerbrot" der Klosterschwestern, die ihnen, ganz im Sinne einer klerikalen Erziehung, manches abverlangen (zur Strafe müssen sie etwa mit Seifenlauge gurgeln; ähnlich klingt übrigens auch die Übersetzung des tschechischen Originaltitels, "Teer gurgeln"), später regiert im Heim die "Peitsche" des Kommandanten Vyzˇlata, der sie in paramilitärischer Manier zu "Kindersoldaten" umerziehen lässt.
Es scheint Topol um ein surreales Gleichnis zu gehen: Wie kann ein einzelnes Individuum sein Überleben sichern und eine Identität erlangen? Wo doch Räume eingeschränkt und umkämpft sind, wo doch die Welt draußen (die "Schattenwelt") nur in vagen Erinnerungen und Vorstellungen der Jungen existiert. Es fehlt ihnen – an allen Ecken und Enden – ein Instrumentarium, um den Kontext zu erfassen. Ihre Sehnsucht aber, eben diese Welt zu erfahren, sie ist ebenso präsent wie die Angst, nirgendwo heimisch zu sein.
Die "Zirkuszone" ist ein Roman des Überlebens, man möchte hinzufügen – um jeden Preis. Deutlich zeigt sich dies an Iljas behindertem Bruder, der eines Tages aus dem Fenster fällt – oder gestoßen wird. Von da an wird Ilja der Verdacht des Brudermordes anhaften. Umso mehr, wo mit dem Heimkommandanten Vyzˇlata ein weiterer Junge auftaucht, ein neuer "Bruderzwilling" namens Margasˇ, der Ilja zum verwechseln ähnlich sieht und diesem Befehle erteilt: "Töte Vyzˇlata!" Als Ilja schließlich realisiert, dass der Heimkommandant seinen neuen Bruder missbraucht, tötet er diesen tatsächlich, unbeholfen und panisch. Das Töten wird zur möglichen Option, um seine Ziele (die Freiheit?) zu erreichen.
Die Übersetzung aus dem Tschechischen war kein Leichtes – Topols euphonischen Worten gerecht zu werden, erfordert viel Geschick und Muße. Seine am Gesprochenen ausgerichtete Sprache, Argot und Vulgarismen, die nichtsdestoweniger poetisch bleiben (müssen), ist eine Herausforderung. In der "Zirkuszone" bedient sich der Autor zudem einer kommunistischen Terminologie respektive sowjetischer Lehnwörter – ein schlüssiger Duktus für die deutsche Fassung wurde trotzdem gefunden. "Da könnt ihr mal sehen, ihr Stümper. Immer fleißig lernen mit dem Molotok (russisch für: Hammer, Anm. d. Red.) in der Hand! Arbeiten lernen ist die Devise, das zahlt sich aus ..." Und es ist Topol selbst, der eine wichtige Anleitung formuliert, indem er bittet, seine Bücher nicht einfach zu übertragen, sondern sie vielmehr nachzuerzählen. Dass sich die Lektüre des tschechischen Original umso mehr empfiehlt, liegt allerdings auf der Hand.
Topol erzählt seine Geschichte als eine Mischung aus Sage und Märchen: Im Sog der politischen Hintergründe wandeln Menschen durch ein verwunschenes Land. In der damit einhergehenden Typisierung liegt allerdings auch eine Schwäche des Buches: Es strotzt vor pubertären Gesten und roher Gewalt; die einzelnen Figuren dieser durch und durch männlichen Welt der Bubenabenteuer verlieren ihre Singularität, sind nur noch Avatare eines Erzählers, der weiterschreibt um des Schreibens willen.

Der Roman mündet in den Krieg, betrachtet aus der Bubenperspektive. Die Tschechen, unter der Führung von Alexander Dubcˇek messen sich mit dem Warschauer Pakt, die Fronten werden dabei immer unüberschaubarer, der historische Ausgang ist bekannt. Dieses tschechische Trauma beschreibt Topol als Groteske – Realität verbindet sich mit grausamer Fiktion, indem etwa auf tschechischem Boden ein Dritter Weltkrieg angezettelt wird (Einmarsch der Tschechen in Bayern).
Ilja erweist sich als instinktiver Opportunist, seine Herkunft und Zukunft als Bastard wird hier ganz besonders deutlich, die Absurdität des Krieges ist somit die einzige Gewissheit. "Der, der am Ende überlebt, ist berufen, andere zu lehren." Aber wird nach diesem Dritten Weltkrieg noch jemand übrig sein?

Michael Stavaric in FALTER 12/2007



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