Mara Kogoj


The Sound of Politics

Kevin Vennemann bestätigt mit "Mara Kogoj" seine literarische Ausnahmestellung – allerdings mit Abstrichen.

Kevin Vennemann hat ein seltsames Buch geschrieben. Ein Buch aus fiction und facts, aus history und politics, das sich in die nun doch schon seit einiger Zeit schwelende Diskussion über die slowenischen Ortstafeln in Kärnten fügt und damit zunächst von extremer Brisanz scheint. Allerdings wird diese Diskussion nur gestreift, wie viele andere auch: etwa die Proteste gegen die Wehrmachtsausstellung, der Anschlag von Oberwart und generell die Minderheitenfrage.
Im Zentrum des Buches steht ein Interview von zwei Kärntner Slowenen, Mara Kogoj und Tone Lebonja, mit einem gewissen Heinrich Pflügler, dem Sohn eines SS-Offiziers, der an dem Massaker an slowenischen Partisanen auf dem sogenannten Persˇmanhof in Kärnten zu Kriegsende maßgeblich beteiligt gewesen sein soll.
Wie schon in seinem vielerorts hymnisch besprochenen Erstling "Nahe Jedenew" (2005) stellt Vennemann damit ein nationalsozialistisches Massaker in den Mittelpunkt seines Romans, den er in Auszügen unter dem Titel "Im Komponierhäuschen" im Vorjahr beim Ingeborg-Bachmann-Preis erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt hat. In einem Interview meinte Vennemann einmal, er möge den erhobenen Zeigefinger eigentlich ganz gerne und zeige lieber gesellschaftliche Missstände auf, als sich mit persönlich Erlebtem zu beschäftigen. Der aus Dorsten in Westfalen gebürtige Vennemann ist also mit seinen dreißig Jahren ein eminent politischer Autor, und so einen hat das deutsche Feuilleton schon seit Jahren gesucht und in Handke leider nicht gefunden.
Weit eher als an Handke erinnert Vennemanns Prosa denn auch an unsere Nobelpreisträgerin aus der Obersteiermark, nicht an deren Kalauer, aber an diesen Sound, der einen sogartig hineinzieht in das dichte Textgeflecht, in dem Sprache oft sich selbst genügt und Flächen erzeugt, die beliebig erweiterbar scheinen; wo die lineare Narrativität aufgebrochen wird zugunsten eines flächigen, von Schnitten und Nähten gekennzeichneten Patchworks. Helmut Böttiger sprach in Bezug auf "Nahe Jedenew" in der Zeit gar vom "mit Abstand besten literarischen Text, der in den letzten Jahren von einem unter Dreißigjährigen erschienen ist".

Die sprachliche Ausnahmeleistung, die Vennemann auch mit seinem neuen Text erbringt und die diesen allerdings auch zu einem etwas hermetischen Sprachkunstwerk macht, bei dem man sich allerdings nicht ganz sicher ist, ob es den eigenen Anspruch genügt. Die Interviewstruktur, in die Vennemann seine Erzählung presst, wirkt, selbst wenn sie zuweilen auch aufgebrochen wird, etwas unflexibel – was Kalkül sein mag oder auch nicht. Wie bei Bernhard wird das Dialogische zunehmend von einer monologischen Suada abgelöst. Auch ist vielleicht einfach zu viel hineingestopft in diesen Text, wie der Autor selbst gesteht: "Deine Quellen, will er wissen auf dem Steinweg zwischen Gepäck und Haus und Weg und Stall, und Kogoj: Erfunden, Kogoj: Ähnlich der SS-Polizeiregiment-Geschichte, die ja dann doch nicht erfunden war: Zusammengeschrieben aus Geschichtsbüchern, nichts davon mehr als Spekulation, was Heinrich Pflügler angeht, und Kogoj: Heinrich Pflüglers Geschichte, die sie sich ihm recht frei anzudichten erlaubt habe, sei: die Geschichte mitunter ganz anderer Menschen. Ich habe ein wenig zusammengemischt, hiervon etwas, davon ein bisschen, ein wenig Wissenschaft, ein wenig Volksmund, jede Menge Memoirenliteratur, den Rest erfunden und daraus zusammenkonstruiert: was Heinrich Pflügler im besonderen angeht, Kogoj: Mythologisiert, und damit nur dasselbe getan wie der Klang, Kogoj: geklungen habe nun ausnahmsweise auch sie: ein erhellendes Prinzip, und Kogoj: Daran geglaubt, nichts weiter, es funktioniert."
So bleibt der Eindruck, dass dieses eigenwillige Sprachkunstwerk seinen politischen Gehalt eher verbirgt als zu erkennen gibt.

Nicole Streitler-Kastberger in FALTER 12/2007



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