Ehrensachen

Louis Begley, Christa Krüger


Henry außer sich

Was seither geschah: Mit seinem neuen Roman "Ehrensachen" schließt Louis Begley an sein stark autobiografisches Debüt "Lügen in Zeiten des Krieges" an.

Louis Begley ist in der literarischen Welt als begnadeter Spätstarter und Quereinsteiger bekannt. Der damals 58-Jährige hatte längst Karriere als Wirtschaftsanwalt in New York gemacht, als er 1991 mit dem Roman "Lügen in Zeiten des Krieges" sein vielbeachtetes Debüt als Schriftsteller gab. In der Geschichte eines jüdischen Knaben, der den Zweiten Weltkrieg in Polen dank seiner patenten Tante überlebt, hatte der gebürtige Pole Louis Begley recht offensichtlich seine eigene Biografie verarbeitet; in die folgenden Bücher hat sich der Autor nur noch indirekt eingeschrieben. Das Milieu, in dem Romane wie "Der Mann, der zu spät kam", "Wie Max es sah" oder "Schmidt" spielen, kennt Begley aus nächster Nähe: Es ist die Welt der Reichen aus New York und Umgebung. Mit kühler Empathie und ergreifendem Sarkasmus erzählt er in seinen Business-Class-Gesellschaftsromanen von Menschen, die keine finanziellen Sorgen haben und natürlich doch nicht glücklich werden.
In seinem neuen, achten Roman bringt der als Anwalt mittlerweile pensionierte Begley nun beide Welten zusammen: "Ehrensachen" (Originaltitel: "Matters of Honor") ist einerseits, wenn man so will, eine Fortsetzung des autobiografisch geprägten Erstlings, zugleich aber auch ein typisch Begley'scher Entwicklungsroman. Held des Buches ist der polnische Jude Henry White, der das Naziregime als U-Boot in Krakau überlebt hat und nach dem Krieg mit seinen Eltern nach Brooklyn emigrierte. Wer in Henry ein Alter Ego des Autors vermutet, trifft damit aber, wenn überhaupt, nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte steckt in der Haut von Sam Standish, dem Erzähler des Romans, mit dem Henry eine Studentenwohnung teilt. Wie die beiden jungen Männer hat auch Begley in den Fünfzigerjahren in Harvard studiert. Aber während der Autor nach dem College zuerst die Anwaltslaufbahn einschlug, um viel später auch Schriftsteller zu werden, finden die beiden Karrieren hier parallel statt. Henry ist zwar literaturbegeistert – er inszeniert sogar eine Studentenaufführung des surrealistischen Klassikers "König Ubu" –, entscheidet sich dann aber doch für die Law School und den Anwaltsberuf. Sam wiederum hat schon mit seinem ersten, noch während des Studiums begonnenen Roman so viel Erfolg, dass er dabei bleibt – und tatsächlich ein angesehener Schriftsteller wird.
Gut möglich, dass Begley auch in Archie, dem dritten Mitbewohner der illustren Harvard-WG, eine Facette seiner Persönlichkeit zeichnet. Wenn dem so ist, dann hat der extrem disziplinierte Autor – anders als mit eiserner Disziplin wäre die Doppelbelastung Anwalt/Autor nicht möglich gewesen – seinen inneren Archie allerdings gut unter Kontrolle. Der junge Mann nämlich ist ein rechter Tunichtgut, der das Studium hauptsächlich als Vorwand für ausgiebigen Konsum von Sex und Alkohol versteht und sehr früh seiner in diesem Zusammenhang fatalen Leidenschaft für schnelle Autos zum Opfer fällt. Die drei Kommilitonen haben eines gemeinsam: Sie leben ein Leben, das ihnen eigentlich nicht "zusteht". Archie nennt sich hochtrabend Archibald P. Palmer III., ist aber bloß der Sohn eines nicht sonderlich glorreichen Army-Offiziers. Sam gehört dem vergleichsweise ärmlichen Zweig einer reichen Ostküstenfamilie an und hat kurz vor Beginn des Studiums erfahren, dass er gar nicht der leibliche Sohn seiner Eltern ist. Warum Sam seinerzeit adoptiert wurde und wer seine wirklichen Eltern sind, erfährt er nicht. Der Familienanwalt lässt ihn aber wissen, dass er Zugriff auf einen von seinem Großonkel eingerichteten Trust habe und sich finanziell keine Sorgen mehr machen müsse.
Zuallererst aber ist "Ehrensachen" die Geschichte von Henry. Die Geschichte eines Juden, der fest entschlossen ist, trotzdem seinen Weg zu machen. "Die Ostküste" – vom antisemitischen Ressentiment in Österreich als Synonym für "jüdische Weltverschwörung" etabliert – wird von Begley nämlich keineswegs als gelobtes Land beschrieben. In den noblen Tennis- oder Golfclubs sind Juden unerwünscht, in Harvard ist das Wort "Jude" ähnlich schmeichelhaft wie "Schwuchtel", und als Sams Tante erfährt, dass der nette Henry Jude ist, sagt sie: "Da kann man natürlich nichts machen" – und das ist freundlich gemeint.
Bewusst sucht sich Henry auf dem College nichtjüdische Freunde, und auch als Anwalt bewirbt er sich eben nicht in jüdischen Kanzleien, wo er mit offenen Armen empfangen würde. Als Sam ihn einmal darauf anspricht, ob er versuchen wolle, "als Nichtjude durchzugehen", kontert Henry mit bitterer Ironie: "Solange es Leute gibt, die es kümmert, ob ich ein Jude bin, der vorgibt, keiner zu sein, so lange muss ich Jude bleiben, auch wenn ich mir innerlich nicht jüdischer vorkomme als ein geräucherter Schweineschinken." Die Eltern, die ihre ganze Hoffnung in den einzigen Sohn legen, nehmen Henrys Ehrgeiz persönlich; die Enttäuschung der überfürsorglichen Mutter nimmt zusehends wahnhafte Züge an und mündet schließlich in eine Katastrophe.

Auf 440 Seiten erzählt Begley eine Geschichte, die sich über mehr als dreißig Jahre erstreckt, wobei die Protagonisten auch noch ununterbrochen zwischen Europa und Amerika pendeln. Begley schlägt ein entsprechend flottes Tempo an und erweist sich als sehr ökonomischer Erzähler; genau beschreibt er wirklich bloß das, was ihm wichtig ist, dazwischen liefert er nur die nötigsten Fakten. Der Roman beginnt 1950 in Harvard und endet in den frühen Achtzigerjahren in Paris, wo Henry vor dem schwierigsten Fall seiner Karriere steht. Nach dem Wahlsieg des Sozialdemokraten Mitterand soll eine Bank von Henrys wichtigstem Klienten, einem schwerreichen Belgier, verstaatlicht werden. Henry tüftelt erfolgreich an einer juristisch wasserdichten Lösung für das knifflige Problem – hält es zugleich aber für falsch, sie in die Praxis umzusetzen: Die Rache der ausgetricksten Regierung wäre für seinen Klienten à la longue schädlicher.
Begley beschreibt das Dilemma mit der Leidenschaft des gelernten Advokaten und so ausführlich, dass man darin die Schlüsselstelle des Romans erkennen muss. Es ist eine Pattsituation, in der Henry nur verlieren kann – obwohl er eigentlich alles richtig macht. Und als er feststellt, dass das im Grunde für sein ganzes Leben gilt, zieht er auf ebenso überraschende wie radikale Weise die Konsequenzen.

in FALTER 12/2007



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