Die windige Stadt

Adam Langer, Grete Osterwald


The Wind of Change

Mit viel Ironie, aber ohne Herablassung hetzt Adam Langer seinen Protagonisten beim Versuch hinterher, die Adoleszenz hinter sich zu bringen.

Die windige Stadt", the windy city, so nennt man in den USA Chicago, weil der Lake Michigan stets für eine kräftige Brise sorgt. Von dort stammt Adam Langer, von dort handelt auch sein nunmehr zweiter Roman. Es ist die jüdisch geprägte North Side der Stadt, die wie im Erstling "Crossing California" im Mittelpunk steht, auch die handelnden Personen sind großteils dieselben.
Mittlerweile sind wir freilich in den frühen 1980er-Jahren angekommen, die vertraute Community verändert sich, sie zerfällt langsam, die Kids aus dem ersten Buch beenden die High School, verlieren einander zeitweilig aus den Augen, gehen nach New York, Berlin oder L.A., treffen einander dann aber doch wieder – in ihrer prekären Heimat West Rogers Park.
Langer, Jahrgang 1967, erzählt von seiner Generation, vom Erwachsenwerden in einer Zeit der leisen, aber merklichen Umbrüche: Harold Washington wird der erste schwarze Bürgermeister einer in fester irischer Hand gewähnten Metropole, Sexismus und Rassismus geraten zusehends unter Druck, so kann nicht einmal die Initiative "Antisemiten für Bernard Epton" dem republikanisch-jüdischen – und selbstverständlich weißen – Gegenkandidaten zum Sieg verhelfen.
Sympathisch und witzig zeichnet Langer vor dieser Folie die unsicheren, manchmal naiven Schritte aus der Adoleszenz nach: die Widersprüche in Sachen Liebe oder Sex, aber auch die zeitgebundene politische Sozialisation, die Daniel Ortega als Freiheitshelden feiert und noch den Tod Breschnjews mit entsprechendem Trauerkleid angemessen begangen findet.
Im Theater und im Kino als Autor und Produzent zuhause, gelingen Langer gerade dort die treffendsten Parodien auf die Spät-68er: Da gibt es etwa an der High School einen Förderkurs in Sachen Film "bei der israelischen Lehrerin Irit Ben-Amur, die darauf bestand, dass alle Schüler sie mit ihrem Vornamen ansprachen. Sie lehrte barfuß, in Trägerhemdchen und brachte eine Doppelstunde in der Woche damit zu, ihre eigenen handlungsarmen Filme vorzuführen (...). Irit ermutigte die Schüler zur Selbstverwirklichung, und so bekam Hillel Levy ein A für seinen Film Kondomplation, in welchem ein Taubstummer in eine Drogerie Kondome kaufen ging, aber von dem blinden Ladenbesitzer, der ihn bedienen wollte, nicht bedient werden konnte."
Die fesche Michelle wiederum, an sich kein Kind von Traurigkeit, erwehrt sich tapfer ihrer konstant paarungsbereiten Schauspielerkollegen. Will sie dann aus vermeintlich guten Gründen doch eine Ausnahme machen, wird daraus nichts: ",Ja, geht klar, aber nur für diese Nacht', hatte sie zu ihrem Prof Geoffrey Woshner gesagt, dem sie nur darum eine Nacht versprach, weil er einmal mit Tennessee Williams geschlafen hatte und sie glaubte, diese Verbindung zu den ganz Großen des Theaters könnte a) interessant und b) gut für ihre Biographie sein, wobei Woshner letzten Endes auf seiner mottenzerfressenen Couch besoffen in den Schlaf fiel, während Michelle seinen Brandy herunterspülte, seine Nelkenzigaretten rauchte und seine John-Gielgud-LPs anhörte, ehe sie ihn in seinen gelben Jockey-Shorts eingehend betrachtete, in sein Klo kotzte und sich bei laufendem Plattenspieler aus dem Staub machte."

Dieses atemlose, nur selten Einhalt gewährenden Erzählen muss man mögen und über knapp 500 Seiten aushalten. Unter dieser Voraussetzung jedoch fügen sich die Geschichten von Jill und Muley, Larry und Michelle, Wes und Connie, deren meist unspektakuläre Schicksale ironisch, aber ohne jede Spur von Herablassung geschildert werden, zu einem höchst vergnüglichen Panorama einer Zeit, die seltsam weit zurückzuliegen scheint.
Nicht zufällig findet sich daher auch am Ende des Buches ein Glossar, das neben jüdischer Spezialterminologie auch erklärt, wer eigentlich Pete Seeger, Hans Robert Jauß, Jose Napoleon Duarte, die Blues Brothers oder eben John Gielgud waren.
Davor schließt der Roman mit einem gedämpften Happy End: Die zwei, die schon am Beginn zusammen waren, haben sich endlich wiedergefunden. Ob es lange halten wird? Das sollte uns doch Adam Langer in seinem nächsten Buch bitte erzählen!

in FALTER 12/2007



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