Eins, zwei, drei ... unendlich. Eine Reise an die Grenzen der Mathematik


Unendlich fesselnd

Lust machen und Angst nehmen. Papa Beutelspacher und Opa Kippenhahn beherrschen die Kunst, die Wissenschaft der Zahlen zu popularisieren.

Familie Beutelspacher geht ins Restaurant. Den Kindern Christoph und Maria ist fad, also beginnen sie mit Bierdeckeln ein Kartenhaus zu bauen. Die Geschichte einer ganz normalen Familie – mit einem feinen Unterschied: Papa Beutelspacher ist Deutschlands Ober-Mathepopularisierer, und so fragt er sich: Wie viele Bierdeckel braucht man wohl für ein Kartenhaus mit s Stockwerken? Die Antwort: genau s(3s + 1) : 2.
Seit dem Jahr 2000 erfreut Albrecht Beutelspacher die Leser von Bild der Wissenschaft monatlich mit seinen mathematischen Geschichten. Nun sind seine ersten 66 Kolumnen gesammelt als Buch erschienen. In "Einmal sechs Richtige und andere Mathe-Wunder" zeigt er in gewohnt enthusiastischer Manier, dass Mathematik in unserem Alltag nicht nur zu finden, sondern schlichtweg überall ist: in der Architektur, der Natur und der Technik; in Autofelgen, Biergläsern, Fußbällen und Halsketten. Natürlich hat Beutelspacher auch ein paar mathematische Tricks auf Lager, rettet die Ehre der Zahl 21 vor seiner renitenten Tochter ("Was ist denn das für eine blöde Zahl?") und wehrt sich überhaupt vehement dagegen, dass irgendeine Zahl langweilig sein könnte.
Die vielgefürchteten Formeln, die als Fallstricke jeder Mathematikpopularisierung gelten, meidet er, so gut es geht. Als mathematisches Vorwissen setzt er gerade einmal die Grundrechenarten voraus. Mit entsprechenden Folgen: Die Geschichten wirken teilweise wie Gutenachtgeschichten für Kleinkinder. Das wirklich Faszinierende an der Mathematik dringt nur in kurzen Momenten durch. Ihr wahres Wesen so gut wie gar nicht.

Dass Mathematikpopularisierung auch anders und trotzdem verständlich sein kann, beweist Rudolf Kippenhahn in "Eins, zwei drei unendlich". In Form eines Dialogs führt der Mathematiker und Astrophysiker seinen Enkel (Kippenhahn ist Jahrgang 1926!) in die Welt des Infinitesimalen ein. Behandelt wird das unendlich Große ebenso wie das unendlich Kleine, wobei beides weniger zu einer "Reise an die Grenzen der Mathematik" – so der Untertitel –, sondern eher an jene der menschlichen Vorstellungskraft wird.
Kippenhahn gelingt das Kunstwerk, das Unendliche auf fesselnde Art näherzubringen, ohne die mathematische Denkungsart zu verlassen. Er zeigt, was Mathematiker mit dem Unendlichen ohne mit der Wimper zu zucken anstellen (rechnen in unendlichdimensionalen Räumen sowie Schlimmeres) und lässt damit gekonnt Grusel aufkommen, auch wenn das ebenfalls eher kinderbuchgerechte Setting "Opa erklärt Enkel" dies auf den ersten Blick nicht vermuten lässt. Doch bald erkennt man, welche Rolle der Enkel spielt: Er stellt genau die Fragen, die sich beim Lesen des Buches aufdrängen – und das nicht immer auf die feinste Art und Weise: Von "So ein Quatsch" bis "Irrational, heißt das nicht so was wie verrückt?" muss sich Opa Kippenhahn nicht nur einiges anhören, sondern auch viel Überzeugungsarbeit leisten, um den Enkel bei der Stange zu halten. Dazu verwendet er anschauliche Beispiele ebenso wie mathematische Beweise – echte Beweise. Und, man staune – so zum Fürchten sind sie gar nicht.

Martina Gröschl in FALTER 12/2007



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