Cesare Borgia. Der Fürst und die italienische Renaissance


Bankier schlägt Feldherr

Die italienische Renaissance kann man auch als Familienwettbewerb sehen. Dabei schlugen sich die kunstsinnigen Medici erfolgreicher als die kriegslüsternen Borgias.

Was tut man mit seinen politischen Feinden? Cesare Borgia lockte zum Jahreswechsel 1502/03 abtrünnige Heerführer mit schönen Worten und falschen Versprechungen in eine Falle und ließ sie erdrosseln. Vor Ort in Senigallia: Niccolò Machiavelli. Der florentinische Sekretär war beeindruckt. Wer seine Ziele erreichen will, darf auch vor Heimtücke und Graumsamkeit nicht zurückschrecken und muss die sich bietende Gelegenheit beim Schopfe packen. Cesare Borgia wurde zum role model für Macchiavellis "Il principe", so etwas wie das Gründungsmanifest der modernen Realpolitik.
Wer aber war Cesare Borgia? Sein Vater ist der spanische Kardinal Rodrigo Borja bzw. Borgia, der unter dem Namen Alexander VI. 1492 Papst wird. Die Zeit des Pontifikats gilt es zu nutzen. Cesare wird zunächst selbst Kardinal, legt dann aber den Purpur ab und die Rüstung an, um in Mittelitalien als Heerführer ein eigenes Borgia-Fürstentum zu erstreiten. Kurzzeitig als Militäringenieur in seinen Diensten ist auch Leonardo da Vinci, der einige seiner Kriegsmaschinen ausprobieren darf.
Uwe Neumahr versucht eine sehr persönlich gehaltene Biografie des "Cesare Borgia" zu entwerfen. Da wird geschmunzelt und die Stirn gerunzelt, als wäre der Autor embedded journalist auf dessen Feldzügen gewesen. Novellenhafte Passagen werden von allgemeinen Erläuterungen unterbrochen, dann wieder versinkt er abschnittsweise in Betrachtungen von Kunstwerken, in denen er durch die Augen Cesare Borgias Programmatisches zu erkennen glaubt. Aus seiner Zwitterstellung zwischen Sachbuch und Roman führt wenigstens das lesenswerte Nachwort heraus, indem Neumahr die innere Widersprüchlichkeit der Person Cesares skizziert.
Sein kurzes Leben beendet Cesare vor genau 500 Jahren, am 12. März 1507, und, wie es sich für einen Feldherren gehört, auf dem Schlachtfeld. Na ja, eigentlich war es nur ein kleines Scharmützel. So verschwindet das Haus der Borgia aus den Annalen der Macht und geht in die schwarze Legende um Giftmorde, Pornokratie und Nepotismus ein.

Die Verallgemeinerungsfalle

Wie viele Todesopfer die Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit tatsächlich gefordert haben, wird wohl nie endgültig geklärt werden. Das 19. Jahrhundert ging noch von Millionen Toten aus, die Forschung der letzten dreißig Jahre hat diese Zahl aber (derzeit) auf gesicherte rund 70.000 Hingerichtete für das Gebiet des Alten Reichs zurechtgestutzt.
"Hexenwahn im barocken Deutschland" der britischen Historikerin Lyndal Roper repräsentiert trotz ergänzter Bibliografie den Forschungsstand im deutschsprachigen Raum vor etwa 15 Jahren. Schon das Titelwort "Hexenwahn" (Witch Craze) wird heutzutage nicht mehr gern gehört, da es falsche Assoziationen weckt und die nötige historische Distanz vermissen lässt. Roper hat für ihre Untersuchung auch keine unbeackerten Regionen gewählt, sondern vergleichsweise erschöpfend erforschte Gebiete wie Würzburg, Augsburg oder Nördlingen. Obschon sie selbst vor Verallgemeinerungen warnt, tappt ihre Arbeit doch öfter in genau diese Falle, so etwa, wenn sie versucht, das typische Opfer der Verfolgungen zu skizzieren, oder eine relativ einheitliche Rechtslage annimmt.
Auch der Aufbau des Werkes lässt an Klarheit zu wünschen übrig, zu oft unterbrechen einander ähnelnde Erzählungen den Gedankenfluss. Interessanter wird die Untersuchung freilich dort, wo die Oxforddozentin beginnt, eigene Gedanken einzubauen, etwa wenn sie einen möglichen Zusammenhang zwischen verlorener Gebärfähigkeit und Verfolgung aufzeigt. Zumindest auf dem Terrain der Genderstudies hat die angelsächsische Forschung offenbar noch immer die Nase vorn.

Martin Lhotzky in FALTER 12/2007



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