Strategie und die Kunst zu leben. Von einem Schachgenie lernen


Matte Eindrücke

Für Veranstaltungen mit Garri Kasparow gibt es jetzt Merchandise, die keine Schachkenntnis erfordert.

Vor zwei Jahren hat Garri Kasparow das Profischach gegen drei neue Karrieren eingetauscht, von denen jede für sich einem Normalsterblichen über den Kopf zu wachsen droht: Er versucht, eine Führungsrolle in der russischen Opposition zu spielen. Er bringt ein Schachbuch nach dem anderen heraus. Und er jettet als hochbezahlter Redner (mitunter eher Grüß-August) durch die Welt. Alle drei Stränge laufen in dem nun unter seinem Namen erschienenen Ratgeber zusammen. Bemerkenswert ist die Gewichtung.
Sein Einsatz für freie Wahlen in Russland und ein Treffen der Kreml-Gegner, das der Welt während des G8-Gipfels vorigen Sommer zeigen sollte, dass Putin nicht ganz Russland repräsentiert, findet sich lediglich in einem Nachwort. Die Schlüsse seiner Bücher über die Schachweltmeister vor ihm sind quer über den Band eingestreut. Schwer nach Zweitverwertung riechen auch die Einsichten, die der in seinem Spiel unübertroffene Stratege für die Welt jenseits des Bretts ableitet.
Die Website von Kasparows Agent preist seine Dienste als Redner über nicht weniger als 13 Themen an. Wohl kaum, weil es sich um seine Glückszahl handelt, sondern weil er zu allem zu reden bereit ist, sofern die Bezahlung stimmt. Statt sich auf einige zusammenhängende Thesen zu beschränken, behandelt das Buch alles, was Analogien zwischen Schach und Geschäftslebens erlaubt, und springt munter und unmotiviert zwischen Brett und Business, Biografischem und Politik hin und her.
Dass Kasparow sich wiederholt glücklos als Geschäftsmann erprobt hat und all seine Anläufe, dem Profischach eine bessere Zukunft zu sichern, nach hinten losgingen, erfährt man allerdings nicht.
Die Ratschläge sind von solcher Art: Talent genügt nicht, wer nach ganz oben will, muss auch härter als die Konkurrenten arbeiten. Nona. Oder wie wäre es damit: Man soll sich selbst dann hinterfragen, wenn es gut läuft. Bittere Einsicht nach dem verlorenen WM-Matches gegen Wladimir Kramnik, der seine Schwäche vor ihm entdeckt hat, doch für die meisten von uns klingt es wie ein Luxusproblem. Den besten Rat des Bandes erhielt Kasparow selbst, und zwar von Boris Spasski, bevor er gegen Extremverteidiger Tigran Petrosjan antrat: "Pack ihn an den Eiern, aber greif dir immer nur eins, nie beide auf einmal!"
Sein Ghostwriter Michael Greengard ist als Schachkolumnist recht witzig, doch hier wäre ein Rechercheur vonnöten gewesen, um Kasparows Thesen wenigstens mit aktuellem oder originellem Material aufzufetten. Solche Bücher werden als Merchandise für die Veranstaltungen ihrer Autoren produziert, oder damit deren Fans es verschenken oder sich ins Regal stellen können. Zum Lesen ist "Strategie und die Kunst zu leben" ohnehin nicht gedacht.

Stefan Löffler in FALTER 12/2007



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